Schlammschlacht

Nachdem ich gestern erst nach drei Uhr ins Bett gegangen war, zeichnete sich ein später Start ab. Davor deckte ich mich noch im Supermarkt mit Verpflegung ein und dann wollte ich auch noch Bargeld wechseln. Dazu ging ich zur von GoogleMaps vorgeschlagenen nächsten Bank gleich nach meiner Abfahrt. Dort sagten sie mir, dass sie kein Geld wechseln und als ich fragte, wo ich dies denn machen könne sagten sie ich solle doch Googeln.

Also stand ich vor der Bank mit Blick auf mein Handy als ein Herr mich ansprach und fragte, ob er helfen kann. Ich erklärte ihm, dass ich Geld wechseln wollte, dass dies in der Bank aber nicht gehe und dass ich nun eine andere Suche. Er fragte, wie viel ich denn wechseln wollte. Als ich sagte etwa 100 US Dollar zückte er sein Portemonnaie und fragte wie viel das in kasachischer Wàhrung wäre. Ich öffnete meine Währungsumrechnungsapp und zeigte ihm den Betrag. Er nahm den nächsten Runden Betrag, abgezogen von umgerechnet ein paar Rappen, und drückte es mir in die Hand. Dazu meinte er noch, dass die Leute in Kasachstan nett seien und gerne helfen, wenn sie können. Eine schöne Erfahrung.

Nun ging’s aus der doch ziemlich grossen Stadt heraus. Kaum war das Ortsschild hinter mir, fuhr ein Auto langsam neben mir her und ich hörte ein «Hi Bro!», worauf eine Hand einen Energy-Drink herausstreckte. Die zweite schöne Erfahrung am ersten Tag auf dem Fahrrad in Kasachstan.

Ich freute mich sowieso sehr, nach vier «Ruhetagen» wieder auf dem Fahrrad zu sitzen. Doch die Freude wurde nach etwas mehr als 20 km etwas gedämpft. Bereits hier hörte die gute Strasse auf, gemäss meiner Information hätte sie noch etwas weiter gehen sollen. Dafür gab es kaum Verkehr. Dass alle paar Minuten ein Lastwagen vorbei fuhr beruhigte mich, sonst wäre ich komplett alleine im Niemandsland gewesen.

Zwischenzeitlich wurden die Strassen wieder etwas besser oder ich konnte auf die parallel gemachten Fahrbahnen ausweichen, wie dies auch die Leute hier machten und einmal fuhr sogar ein Zug vorbei.

Doch was danach kam, übrigens in der Zwischenzeit auf einer Höhe unter dem Meeresspiegel, war der absolute Horror für mich als Fahrradfahrer. Ich musste lernen, was der Unterschied zwischen einer schlechten Strasse und einer nicht befahrbaren Strasse ist. Der gestrige Regen hatte die Strasse, wenn man das noch so nennen darf, aufgeweicht und der Schlamm blieb an meinen Rädern kleben. Genau so, wie es mir in Serbien mal passiert war, nur war dort die Schlammstrecke keine 200 Meter – hier würde mich der Schlamm noch 3-4 km begleiten.

Nach kürzester Zeit war alles zwischen Rädern und Schutzblechen verstopft, die Rädern bewegten sich nicht mehr. Ich probiert es zu reinigen, doch an manchen Orten kaum 20 Meter später war alles wieder verstopft. Ironischerweise waren die gut aussehenden Stellen der Strasse am schlimmsten, da wo schon mal ein Auto den Untergrund aufgewühlt hatte ging es etwas besser. Doch es verstopfte immer noch ständig. Also nahm ich die Schutzbleche ab – das geht zum Glück bei meinem Fahrrad relativ einfach – doch auch das nützte nicht sonderlich viel. Zwischenzeitlich stosste ich das Fahrrad, wobei ich nun auch mit den Schuhen im Schlamm versank, doch auch so war teilweise nach 10 m schon wieder Schluss.

Ich begann zu verzweifeln. Wie sollte ich denn da überhaupt durchkommen? Ich hatte auch keine Ahnung, wie lange es noch so weitergehen würde. Ich hatte erst etwas mehr als 30 km hinter mir und das einzige, das ich wusste, war, dass nach etwa 89 km eine grosse, gute Strasse, die A-33, kommen würde. Wie sollte ich denn hier noch 50 km zurücklegen auf diese Weise?

Bevor ich komplett verzweifelte hielt ich kurz inne. Einfach mal durchatmen und entspannen. Mein Puls war ohnehin viel zu hoch. Dabei kam mir in den Sinn, dass mir nichts passieren kann, selbst wenn ich hier und jetzt übernachten müsste, wäre das in Ordnung. Ich hatte genug zu trinken, genug zu Essen und auch die Temperaturen waren warm genug, dass ich mit meinem Schlafsack im Zelt nicht frieren würde. Der Gedanke half.

Ich trug mein Fahrrad ein paar Meter, stosste es dann über die Pflanzen der Steppe und bald war der Schlamm etwas weniger. Der Weg war nun ein kurzes Stück steil und steinig, da wäre es mit dem Auto schwer, durchzukommen. Und ich war nun auch die ganze Zeit komplett alleine, kein Mensch weit und breit. Nach dem Anstieg konnte ich aber wieder fahren. Der nun sandige Untergrund klebte nicht mehr. Die Strasse war immer noch miserabel, doch alles war besser als die Schlammstrasse vorher.

Irgendwann kam eine Art Siedlung und ab hier war die Schotterstrasse wieder mehr oder weniger glatt und wenn es doch etwas holperte, fiel der inzwischen eingetrocknete Schlamm von meinem Fahrrad ab. Nur noch wenige Kilometer bis zur A-33!

Bei der grossen Hauptstrasse angekommen fiel mir ein Stein vom Herzen. Wenn es gut geht, wäre ich noch vor Sonnenuntergang in Shetpe, ich hatte noch etwa eineinhalb Stunden für die etwas mehr als 30 km. Gut ist relativ – es hatte nämlich starken Gegenwind. Doch im Vergleich zum vorher erlebten war das eine Wohltat, zumindest weil die Strasse nun perfekt war. Es ging zwar etwas langsamer vorwärts, doch ob ich nun 10, 15 MInuten früher oder später ankommen würde spielte auch keine Rolle. Mein Puls war allerdings immer noch viel zu hoch, ich musste mich etwas zurückhalten, etwas langsamer fahren.

Schlussendlich traf ich mit den letzten Sonnenstrahlen in Shetpe ein und ein Auto, welches grad auf die grosse Strasse einbog, gab mir ein Zeichen, anzuhalten. Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich zur Unterkunft, von der ich gehört hatte, aber nicht sicher war, ob sie wirklich existiert. Doch der Mann und sein Sohn waren so euphorisch, sich mit mir auszutauschen, dass ich mitmachte. Er kenne jemanden aus der Schweiz, meinte er. Er wollte die Person anrufen, doch der Anruf bliebt unbeantwortet. Also schickte er eine Videonachricht mit mir als Hauptdarsteller. Dann wolte er auch noch mit meinem Fahrrad fahren und drückte mir sein Telefon als «Versicherung» in die Hand. Da war ja auch noch sein Auto und sein kleiner Sohn, also machte ich mir deswegen keine Sorgen.

Ich erklärte ihm mit GoogleTranslate, dass ich auf der Suche nach einer Unterkunft war und er meinte er fahre mit mir dorthin. Super! Die Kinder die inder nähe wohnten hatten auch noch bemerkt, dass da ein Fahrradfahrer war und strömten mir voller Freude entgegen. Ich verabschiedete mich aber ziemlich schnell von ihnen und fuhr meinem Lotsen nach. Viel früher als erwartet stieg er aus dem Auto aus und zeigte auf ein Gebäude auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Hier war es also – da wäre ich glatt daran vorbei gefahren. So war ich aber doch noch vor Einbruch der Dunkelheit angekommen. Was für ein Tag. Mein Durchschnittspuls war bei über 130, in der Türkei mit Shaun unterwegs war er jeweils bei 100-110, manchmal sogar unter 100. Entsprechend empfahl mein GPS eine Ruhezeit von üver 100 Stunden. So schlecht fühlte ich mich aber gar nicht.

Nach dem Abendesse – vegan ist hier schwierig und die Leute nicht gerade flexibel, also trank ich nur eine Suppe und ging dann ins Zimmer zu Brot und Tomatenpaste – ging ich ich auf direktem Weg ins Bett.


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