Heute: Rückenwind

Gestern Abend habe ich noch lange mit den Kindern gespielt, vor allem der jüngste kam immer wieder zu mir. Verstanden haben wir uns zwar nicht, aber herumblödeln kann man ja trotzdem zusammen. Schliesslich legten sich alle nebeneinander in der Mitte des Hauses auf den Teppich bzw. Futons und schliefen schön nebeneinander aufgereiht am Boden.

Sie nannten mich anfangs immer «Turist», irgendwann konnten sie sich aber meinen Namen Merken. Umgekehrt war das aber leider nicht der Fall, denn sie heissen ja nicht wirklich Re, Mi, Fa, So, La und Si (Do, der älteste, war in Aktau). Sie sagten mir zwar ihre Namen, doch die waren ziemlich lange und für mich auch komplett fremd. Gleich sechs auf einmal konnte ich mir somit unmöglich merken.

Am Morgen liess ich mir viel Zeit, ich hatte die Nacht vorher nicht super geschlafen und musste wohl noch etwas nachholen. Ausserdem waren heute «nur» etwa 90 flache Kilometer auf dem Programm.

Um kurz nach zwölf verabschiedete ich mich aber und nach ein paar Selfies ging’s zum einzigen kleinen Laden im Dorf. Eigentlich wollte ich Wasser kaufen, das war aber nicht im Angebot, weshalb ich Eistee mit Erdbeergeschmack und ein anderes Süssgetränk mit Birnengeschmack nahm.

Nach 5 km gegen den Wind gings wieder auf die altbekannte A-33. Und da die grosse Hauptstrasse kurz darauf einen Bogen machte und der Wind wohl auch leicht gedreht hatte, genoss ich fortan besten Rückenwind fast bis Beineu.

Die Landschaft sah noch immer gleich aus wie die letzten Tage bis auf einen kleinen Fluss, an dem Kinder spielten – wohl der Sonntagsfamilienausflug – und eine Brücke über die Eisenbahnlinie, von der man sehr gute Fernsicht hatte.

Bei all dem Zucker im Eistee hatte ich gar kein Bedürfnis zu essen – und weil es mit dem Rückenwind so schnell und locker voranging fuhr ich direkt bis Beineu. Die nichtmal drei dreiviertel Stunden Fahrzeit sind wohl der kürzeste Tag bisher.

Den Banhnhof fand ich nicht, wo er auf verschiedenen Karten eingezeichnet war. Als ich definitiv an ihm vorbei war, sah ich jedoch einen grossen Supermarkt. Der kam wie gerufen, um mich für die Nacht im Zug einzudecken.

Wieder auf derselben Strasse zurück sah ich da, wo der Bahnhof hätte sein sollen ein unauffälliges Schild, auf dem auf Kasachisch stand «Bahnhofprovisorium» sowie ein Pfeil. GoogleTranslate sei dank konnte ich das lesen und so fand ich den Bahnhof doch noch.

Aber warum nehme ich überhault den Zug? Die Grenze nach Usbekistan ist zu, denn die einzige Strasse weit und breit wird erneuert, da haben sie den Grenzposten auch gleich geschlossen. Es bleibt nur noch die Option Zug, welche wohl alle Fahrradfahrer nehmen. Ich hatte gehört, dass es schwierig sein kann, bei der ersten Station nach der Grenze – Karakalpakiya – auszusteigen, weil die Zugbegleiter einen nicht mitten in der Wüste absetzen wollen. So entschied ich mich, mein Zugbillet bis Kungrad zu kaufen. Dazwischen wäre zwar noch eine Station mitten im Nirgendwo, doch wenn ich schon Zug fahre, kann ich den uninteressanten Teil auch gleich im Waggon sitzen bleiben.

Eine Arbeitskollegin mit viel Velotourenerfahrung riet mir vor der Reise, die langweiligen Teile zu überspringen, alles fahren zu wollen sei der Anfängerfehler. Anfangs wollte ich wirklich alles mit dem Fahrrad fahren, da war ich eben auch noch Anfänger. Inzwischen habe ich schon bald zwei Monate Erfahrung gesammelt und vor allem die letzten Tage zeigten mir, dass es schon recht eintönig sein kann. Und da ich eh schon einen Flug genommen habe und die Grenze hier wie gesagt nur für die Eisenbahn geöffnet ist, fällt die Option «alles fahren» sowieso weg.

Von vielen hörte ich, dass sie gleich bis zur Endstation Nukus fahren, doch die letzten 100 km bis dorthin entschied ich mich doch zu fahren.

Lustigerweise hat sich lange nachdem ich das Billet bis Kungrad gekauft hatte herausgestellt, dass zwei andere Fernradler ebenfalls morgen in Kungrad ankommen werden. Wir haben abgemacht, uns zu treffen, ein Grund mehr, dort auszusteigen. Die beiden sind ohne Probleme in Karakalpakiya ausgestiegen und auch den kargsten Teil der Strecke mit dem Fahrrad gefahren. Ich freue mich auf ihre Berichte darüber.


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