Willkommen in der Türkei

Heute Morgen hatte ich Mühe, aufzustehen. Erstens hatte ich schlecht geschlafen, zweitens regnete es draussen und das machte mich nicht an, so schnell wie möglich in die Etappe zu starten. Also drehte ich mich nochmals im Bett um und schlief prompt nochmals ein.

Als ich wieder erwachte regnete es noch immer, doch jetzt musste ich langsam ans aufstehen denken, denn ich hatte noch einige Kilometer vor mir. Bis ich dann endlich bereit war meinte ich, der Regen sei vorbei. So war es auch im Wetterbericht, also dass es um etwa zehn Uhr aufhören würde. Allerdings tröpfelte es noch immer. Hoffnungsvoll machte ich mich auf den Weg, der Regen würde bestimmt gleich ganz aufhören.

Auf einer grossen Strasse mit viel Verkehr ging es aus Yambol heraus. Und leider hörte der Regen nicht auf, im Gegenteil, er wurde wieder stärker. Immerhin konnte ich einigermassen angenehm ohne starken Regen in den Tag starten, mal warm gefahren stört der Regen auch weniger. Auf der Strasse mit viel Verkehr hat das Regenwetter aber noch einen Nachteil wie ich heute merkte: Jedes Mal wenn ein grosser Lastwagen entgegenkam, fühlte sich das an, wie wenn mich jemand anspucken würde, einfach von Kopf bis Fuss.

Nach ein paar Kilometern war dann geplant, dass ich eine andere, kleinere Strasse nehmen würde. Ich überlegte noch, ob ich nicht einfach auf der grossen bleiben soll, das wäre viel direkter gewesen, doch Entschied mich schlussendlich für die ursprünglich geplante Variante. Die viel befahrenen Strassen in Bulgarien waren von sehr guter Qualität, die kleinen Nebenstrassen aber zum Teil schrecklich. So steht man als Velofahrer vor einem Dilemma: Will ich im Verkehr fahren oder auf einer schlechten Strasse? Die kleine Strasse war allerdings nur ganz am Anfang ziemlich schlecht, danach war es besser. Und nach etwa 80 Minuten unterwegs hörte es auch noch auf zu regnen. Ganz plötzlich und ohne Vorankündigung. Aber genau passend – denn die Nebenstrasse, welche ein bisschen im Zick-Zack hin- und herführte war gerade vor dem ersten längeren Stück mit Gegenwind. Ohne Regen war das etwas angenehmer.

Bald ging es wieder auf die grosse Strasse und siehe da, da war auf einem Strassenschild bereits Istanbul angeschrieben. Ich war wohl auf dem richtigen Weg. Die vielen entgegenkommenden türkischen Lastwagen machten ebenfalls diesen Anschein. Doch es hatte auch viele bulgarische Lastwagen und solche von anderen Nationen. Besonders die vielen ukrainischen waren mir noch aufgefallen.

Nun ging es bergauf bis zur bulgarisch-türkischen Grenze. Plötzlich vielen mir die vielen grossen weissen Säcke am Wegrand auf. Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, dass es sich wohl um Abfallsäcke handeln musste. Aber so viele? Da war ein riesiger Sack geschätzt alle 50 m. Als es dann keine solchen Säcke mehr hatte, sah ich warum. Es waren fast Berge von Abfall am Strassenrand, hier eben noch nicht in Säcke abgefüllt.

Heute musste ich das erste Mal an einer Grenze etwas Geduld haben. Obwohl vor mir nur 5 Autos waren, musste ich bereits bei der Ausfahrt aus Bulgarien fast 20 Mintuten warten. Die nahmen es anscheinend genau. Bei mir selber ging’s dann aber schnell. Auf der türkischen Seite musste ich dann meinen Ausweis an 2 Stellen zeigen und dazwischen war noch der Zoll, wo ich aber einfach durchgewunken wurde. Schlussendlich war der Grenzübertritt aber auch hier sehr einfach und ich hatte nur meine schweizer Identitätskarte gezeigt, den Pass hatte ich in der Tasche gelassen. Mich nahm einfach wunder, ob das so gehen würde – und es ging.

Grad nach der Grenze ging’s wieder weg von der grossen Strasse auf eine kleine Nebenstrasse. Diese führte zuerst der Grenze entlang und kaum 10 Minuten in der Türkei wurde ich mit einem Hagelgewitter begrüsst. Das hielt zum Glück nur ein paar Minuten an und schon scheinte wieder die Sonne. Die Regenhose, welche ich am Morgen noch nicht anziehen wollte, hätte es also auch jetzt nicht gebraucht. Nur ein paar Meter weiter zog ich sie wieder aus. Anhalten musste ich sowieso, denn ich hatte einen Platten. Da sag noch einer «Willkommen in der Türkei»…

Da ich immer noch so nahe an der Grenze war, ging es keine fünf Minuten, da stand schon ein Auto der Grenzpolizei neben mir. Ich meinte es sei alles in Ordnung, ich müsste halt einfach den defekten Schlauch wechseln und lehnte die angebotene Hilfe ab. Bevor ich mit dem auswechseln des Schlauches fertig war – flicken wollte ich ihn dann am Abend im Hotel – war die Grenzpolizei schon wieder zurück. Und reichte mir ein Fläschchen Wasser und 3 Portionen Halva. Also doch: «Willkommen in der Türkei!». Ich hatte schon viel von der türkischen Gastfreundschaft gehört und freute mich entsprechend auf das Land. Jetzt erhielt ich bereits die erste Kostprobe davon.

Weiter ging’s kurz später mit reichlich Gegenwind. Starkem Gegenwind. Ich musste mich konzentrieren, dass ich nicht vom Weg abkam, da es immer wieder sehr starke Böen gab. Aber weit war es jetzt nicht mehr. Ich würde trotz des platten Reifens noch vor 18 Uhr in Edirne ankommen, rechnete ich mir aus. Doch es sollte anders kommen: Nur 14 Kilometer vor dem Ziel schon wieder Platten. Und dieses Mal musste ich zuerst den vorher ausgetauschten Schlauch flicken, das wollte ich zwar erst im Hotel machen, doch jetzt hatte ich keinen ganzen Schlauch mehr.

Immerhin regnete es seit dem Hagel nicht mehr. Obwohl ich immer wieder einzelne Tropfen spürte, hielt der Himmel dicht. Ich musste mich nach den beiden Platten etwas bremsen, weil ich vor lauter genervt sein nun voll in die Pedalen treten wollte. Immer noch gegen den Wind, versteht sich. Doch trotz all meiner Befürchtungen und den schlimmen Szenarien, die sich in meinem Kopf abspielten, hielten die Reifen nun bis Edirne. Anhalten musste ich dazwischen trotzdem noch einmal. Vier Hunde wollten mich ebenfalls in der Türkei begrüssen wie es schien. Die Streuner gibt’s also auch hier… einer der vier war so aufsässig, dass ich ihn erst los wurde, als ein entgegenkommender Autofahrer ihn in Schach hielt. Zuvor scheuchte ich ihn immer wieder weg, doch sobald ich mich umdrehte, um weiter zu fahren, war er wieder fast an meinem Hinterrad.

So war ich schlussendlich erst um 18:49 bei meiner Unterkunft in Edirne. Und immer noch etwas genervt. Ich brauchte etwas Zeit, um mich zu beruhigen. Doch schlussendlich war alles gut. Ich bin noch vor der Dämmerung angekommen, fühlte mich gut, wenn auch ein bisschen müde. Und: Ich war in der Türkei! Das fühlt sich noch immer speziell an, doch ich werde mich daran gewöhnen. Das türkisch, welches ich seit etwas mehr als einem Jahr gelernt hatte, konnte ich jedenfalls heute schon super gebrauchen. Und das macht Spass.


3 Antworten zu «Tag 025 – Yambol – Edirne (112.58 km / 878 hm)»

  1. Avatar von Jiabin
    Jiabin

    真是曲折又离奇的一天 (- o -)

  2. Avatar von 曹雪平
    曹雪平

    小尤!你是最棒的!我们很佩服你的勇气!决定骑自行车来中国🇨🇳 !我们全家特别期待你的到来,但我很担心你,这漫长的里程,你会经过多少坎坷,多少的风吹日晒雨淋!不管骑多长时间都要安全放到第一!第二吃好,第三休息好!第四要平平安安!顺顺利利的到家!妈妈👩 👩

    1. Avatar von Jonas
      Jonas

      好感动,老妈!我一定注意安全

Schreiben Sie einen Kommentar zu Jonas Antwort abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert