In 80 Tagen … bis nach China

Auch wenn ich letzte Nacht nicht super geschlafen hatte bin ich heute um sieben Uhr aufgestanden. Ich wollte früh los und das ist mir mit der Abfahrt um ziemlich genau acht Uhr auch gelungen.

Dank dem leichten Gefälle flogen die Kilometer nur so vorbei und bald war ich am tiefsten Punkt angelangt – geographisch versteht sich. Nun ging es einen Ticken langsamer vorwärts und ich dachte daran, bald eine Pause zu machen – schliesslich hatte ich schon über 70 km zurückgelegt. Dann kam das Abschiedsgeschenk von Kasachstan: Ein Mann hielt vor mir an, stieg aus, gab mir eine grosse Flasche mit einem Süssgetränk und meinte noch «toll, gute Weiterreise» wenn ich das richtig verstanden habe und verschwand schon wieder in seinem Auto, bevor ich überhaupt ein Foto machen konnte. Er hatte es wohl eilig und wollte nicht mal wissen, woher ich bin – aber ein Geschenk machen wollte er offensichtlich trotzdem.

Auf der Suche nach einem Rastplatz war ich einige Kilometer nicht so erfolgreich und dann kam mir Mathis aus Frankreich entgegen. Es versteht sich von selbst, dass wir beide anhielten, in den Schatten der an die Strasse grenzenden Bäume standen und ziemlich lange zusammen plauderten. Er ist auf dem Weg Richtung Almaty und hat dabei auch einen interessanten Ansatz verfolgt: Er hat seine gesamte Ausrüstung beim bekannten Online-Lieferdienst in China bestellt und fährt nun so Richtung Westen, mindestens bis Georgien, wenn ich das richtig verstanden habe.

Wir hätten wohl noch lange weiter reden können, doch für mich war es Zeit, weiter zu gehen, denn ich wollte nicht zu spät an der chinesischen Grenze sein. Noch etwa 50 km trennten mich von dieser.

Es ging durch einige Dörfer und danach wieder zurück auf die Mautstrasse – diesmal per Treppe und ich musste mein Fahrrad über die Leitplanken heben. Das war etwa das anstrengenste Manöver des Tages.

Bereits kurz nach 15 Uhr kasachische Zeit oder 18 Uhr Peking-Zeit war ich an der Grenze. Die Ausreise gestaltete sich relativ einfach und unkompliziert, nur hatte ich ein Blatt Papier an dem Ort liegen lassen, wo ich den Ausreisestempel erhalten hatte, hätte das Papier aber mitnehmen sollen. Das war mir nicht klar. Nach ein paar verwirrenden Minuten mit den Grenzbeamten und wie sich herausstellen sollte dem letzten Mal Google-Translate für heute ging es aber weiter und ich konnte mit dem Fahrrad zur chinesischen Seite fahren.

Die chinesischen Beamten waren alle super nett zu mir und es fühlte sich grossartig an, nun einfach mit allen wieder ganz normal kommunizieren zu können ohne die Hilfe des Telefons. Auch die Grenzkontrolle verlief viel besser, als ich dachte. Ich musste aber alle Taschen von meinem Rad abnehmen und auf einem Förderband durch einen Scanner lassen, während dem ich das Rad durch den Metalldetektor schob und danach wie an einem Flughafen üblich abgescannt wurde. Als ich die Taschen wieder montieren wollte, meinte ein Beamter ich solle mir nicht zu viel Mühe geben, denn ich müsse bald alles nochmals ein zweites mal durch einen Scanner lassen. Die Beamten halfen mir dann sogar, alle meine Taschen und das Fahrrad zur Einreise zu befördern.

Leute hatte es sehr wenige und doch musste ich einige Minuten warten, vor mir war ein etwas komplizierterer Fall. Als ich dann an die Reihe kam und erklärte, dass ich Familie habe in China war für den Beamten bereits alles klar, keine weiteren Fragen. Er drückte zwar noch einige Zeit an seinem Computer herum, doch das war wohl einfach die Standardprozedur. Dann erhielt ich den Stempel und durfte einreisen.

Mein ganzes Gepäck ging durch einen zweiten Scanner und schon war ich durch. Ich musste keine Taschen öffnen, keine komischen Fragen beantworten und da ich chinesisch sprach merkte ich auch, dass die Beamten mir alle wohlgesinnt waren und mich unterstützen wollten. So dauerte die ganze Einreise «nur» etwas mehr als eine Stunde und nicht wie ich von einem anderen Radfahrer gelesen hatte 3.5 Stunden. Irgendwie müde und leicht erschöpft war ich trotzdem.

Nach der Grenze fuhr ich zum Hotel, welches Jiabin für mich gebucht hatte, dafür verwendete ich Amap, das chinesische Pendant zu GoogleMaps, welches nur auf chinesisch verfügbar ist. So ganz klar war mir die Benutzung zwar noch nicht, doch auch daran werde ich mich gewöhnen und bis zum Hotel habe ich es so schlussendlich geschafft.

Allerdings: Nach kaum 4 Kilometern überholte mich ein schwarzer BMW, welchen ich schon seit einigen hundert Metern hinter mir bemerkt hatte, stoppte vor mir und ein Mann stieg aus und forderte mich zum anhalten auf. Zuerst gab es ein Getränk als Willkommensgeschenk und danach tauschten wir unsere Kontaktdaten aus. Harry meinte, ich soll mich bei ihm melden, wenn ich irgendwelche Probleme hätte. Er sei früher auch viel Fahrrad gefahren und benutze auch Strava, fügte er noch an. Auch mit ihm sprach ich natürlich chinesisch und freute mich wie schon an der Grenze, dass der Austausch und die Kommunikation nun so einfach ist – eine andere Welt.

Genau so ging es auch beim check-in im Hotel weiter: Die beiden Rezeptionistinnen schauten zuerst etwas scheu, als sie sahen, dass da ein Ausländer reinkommt. Doch als ich anfing chinesisch zu sprechen waren sie sichtlich erleichtert und ich dachte nur «Mann wie schön, dass alles wieder so einfach ist hier». Es ist einfach ein total anderes Gefühl, so zu reisen. Ausländer bin ich zwar noch immer, aber mir kommt alles ein bisschen weniger fremd vor.

Als ich am Abend anlässlich meiner Ankunft in China mit Jiabin und ihrer Familie eine Video-Konferenz machte, schrieb mir Harry und fragte, ob ich schon gegessen hätte. Ich verneinte und fügte noch an, dass ich kein Fleisch esse, da meinte er wir könnten zusammen gehen, er hole mich bei meinem Hotel ab. Was für ein Glück! Es war schon richtig spät, etwa 23:30, doch Harry meinte wir finden schon noch ein offenes Restaurant. Dafür fuhren wir in einen komplett anderen Stadtteil weil Harry meinte in der Nähe meines Hotels gäbe es vor allem fleischlastige Kost. Erst beim dritten Restaurant, welches wir ansteuerten, waren wir erfolgreich, die anderen waren geschlossen. Nicht nur, weil es bereits kurz vor Mitternacht war, sondern auch weil heute ein wichtiges muslimisches Fest ist und viele Restaurants den ganzen Tag geschlossen waren. Harry bestellte Essen für mich und stellte sicher, dass dieses nicht mit tierischem Fett zubereitet wird – vielen Dank für die Umsorgung. Als das Essen kam meinte er, ich solle anfangen, er habe selber schon gegessen. Er machte sich also diese ganzen Mühen nur, um mir ein Abendessen zu ermöglichen. Wow! Ich ass beide bestellten Gerichte restlos auf – Hunger hatte ich genug – und versicherte Harry, dass er nichts mehr bestellen müsse, weil ich nicht möchte, dass Essen verschwendet wird. Nach etwas zögern willigte er ein, bezahlte alles – da konnte ich nicht gross etwas dagegen unternehmen – und dann fuhr er mich zum Hotel zurück. Er entschuldigte sich noch, dass er mich morgen nicht verabschieden könne, da er arbeiten muss. Er hat eine Firma und ist im Transportgeschäft tätig. Seine Lastwagenfahrer exportieren Elektroautos und Kühlgüter nach Kasachstan. Auf dem Landweg sei hier der grösste Grenzübergang Chinas, was die Menge an exportierten Gütern betrifft. Die neue Seidenstrasse eben.

Ich freue mich riesig, in China angekommen zu sein und somit die letzte Grenze auf dem Weg nach Schanghai passiert zu haben. Da ich das Land schon ein bisschen kenne und die Sprache spreche und auch Familie und viele Freunde hier habe ist es gefühlt sogar ein bisschen ein «nach Hause kommen». Und Harrys grandioser Empfang hat das ganze natürlich noch deutlich versüsst. Er kommt ursprünglich übrigens aus einer Stadt in der Ningxia-Provinz, wo auch Verwandte von Jiabin und somit von mir leben, die wir vor 2 Jahren besucht haben, kaum zu glauben.

Mit dem heutigen Tag habe ich nun mehr als 8000 Kilometer zurückgelegt. In 80 Tagen nicht ganz um die Welt wie Phileas Fogg von Jules Vernes aber immerhin bis China. Jetzt sind «nur» noch 5800 km geplant :-).


2 Kommentare zu «Tag 080 – Chundzha – Korgas (133.62 km / 342 hm)»

  1. Avatar von Jiabin
    Jiabin

    欢迎欢迎,热烈欢迎🥳❤️🎉!

  2. Avatar von Yuxin
    Yuxin

    Amazing!!!!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert