Die Weiten Kasachstans
Heute Morgen bin ich nach dem gestrigen Husarenritt erst spät aufgestanden und schrieb dann auch noch mein Tagebuch, bevor es um 11:20 los ging. Immerhin zehn Minuten früher als gestern – und mit genügend Schlaf. Es geht also in die richtige Richtung.
Ich fuhr zuerst ins Dorf, um etwas Proviant einzukaufen. Danach ging es heute den ganzen Tag der grossen Hauptstrasse A-33 auf perfektem Asphalt entlang. Was für ein Genuss!
In der Anfangsphase passierte nicht viel und ich dachte schon heute gibt’s dann nicht so viel zu schreiben, aber dann überschlugen sich die Ereignisse doch noch.
An einer Stelle war ein Dromedar am Strassenrand und anscheinend hatte das arme Tier Angst vor mir, denn es rannte davon und verhedderte sich auf seiner Flucht auch noch in einem Zaun – sorry, liebes Dromedar, das war nicht so gemeint. Etwas später meine ich dann den Grund kennengelernt zu haben: Ein Mann auf einem Motorrad trieb Pferde durch die Gegend – unter anderem auch über die grosse Hauptstrasse. Ich sehe einem Motorrad natürlich recht ähnlich, deshalb wohl das Missverständnis mit dem Dromedar.
Die Weiten Kasachstans erinnerten mich an Amerika – vielleicht war das vor der tektonischen Plattenverschiebung ja gar nicht so weit auseinander? Müsste ich noch abklären. Der Unterschied: Hier sind die Distanzen in km angegeben. Der nächste Ort auf dem Schild war Beyneu mit 272 km Entfernung angegeben. Bis da möchte ich bis Sonntag Abend kommen, denn ich habe bereits einen Zug über die Grenze nach Usbekistan gebucht. Dies ist die einzige Möglichkeit, da die Strasse gesperrt ist und die Grenze ausser mit dem Zug geschlossen ist.
Die Mittagspause machte ich dann nach einem Anstieg mit wunderbarer Fernsicht, der Tageskilometerzähler zeigte ziemlich genau 50 an. Sieht in Wirklichkeit übrigens noch viel eindrücklicher aus als auf dem Foto.
Nach einer rasanten Abfahrt war ich auf einer Tiefebene angelangt, nur wenige Meter über Meer soll diese liegen. Und wieder die Erinnerung an Amerika: Monument Valley! Da war ich zwar noch nie, doch man sieht es in vielen Western-Filmen.
Kurz vor dem Anstieg wieder aus der Tiefebene raus tauchte plötzlich ein Fahrradfahrer vor mir auf: Osugi aus Japan. Er ist bereits zwei Jahre und vier Monate unterwegs, gestartet war er in Amerika, jetzt wohl auf dem Heimweg. Auch er hatte sein Zugbillet bereits reserviert, allerdings eine Woche nach mir. Und so verabschiedeten wir uns nach knapp vier Kilometern gemeinsamer Fahrt auch schon wieder. Er bog nach rechts ab voll in den Gegenwind auf eine Schotterpiste – was sehr nach dem Schlam aussah, den ich gestern erlebt hatte, ich blieb auf der tollen Hauptstrasse bei seitlichem Gegenwind. War trotz der kurzen Zeit toll, ihn gesehen zu haben und ich bin gespannt, auf die Bilder, die er mir versprochen hat – hoffentlich lohnt sich der Umweg bei dem Aufwand, vor allem bei dem vielen Gepäck, das Osugi mitschleppt!
Für mich ging’s nun die besagte Steigung hoch, wobei plötzlich ein Auto neben mir herfuhr, denn Daumen nach oben zeigte und fragte, woher ich sei. Es waren zwei Deutsche mit deutschem Nummernschild, auf dem Auto war die Aufschrift «Hamburg – Schanghai» zu lesen. Die müssen wohl zur «New Silk Road Ralley» gehören – das Datum würde jedenfalls passen: https://www.newsilkroad.de/gruppen-reisen/moderne-seidenstrasse-mit-dem-auto/
Oben angekommen erwartete mich wieder eine unglaubliche Weite: Vor mir die schnurgerade Strasse, rechts Strommasten und sonst nur weite Steppe (das Wort Steppe stammt anscheinend aus dem Kasachischen).
Etwa 20 Kilometer vor meinem geplanten Etappenziel machte ich nochmals kurz Pause. Heute ist es sehr gut gelaufen, ich musste mich nur etwas zurückhalten mit dem Tempo, so schaute ich immer wieder auf meinen Puls. Besonders gegen Ende einer Etappe neige ich dazu, zu schnell zu fahren, auch wenn ich wie heute noch jede Menge Zeit habe bis zum Sonnenuntergang. Als ich mich so an einen Pfosten einer Strassenbeschilderung lehnte, mein Fahrrad lehnte sich mir gegenüber an, stoppte ein Auto und ein Russe stieg aus, um sich mit mir zu Unterhalten. Er ist aus Moskau und den ganzen Weg mit dem Auto hierhergefahren, um die Natur hier zu erleben. Vor dem verabschieden bot er mir noch Wasser an, er sagte er habe einen 30-Liter-Tank im Auto und viel weniger gebraucht als er dachte, doch ich hatte auch noch reichlich Wasser und verzichtete.
Nun noch etwa eine Stunde und ich war am Ziel – ich rechnete mir aus, dass ich vor 19:45 ankommen sollte und damit eine Stunde früher als gestern. Doch kaum drei km vor dem Ziel hielt mich ein schwarzes Auto an und drei Kasachen stiegen aus. Sie fragten wie alle, die mir begegnen, woher ich bin und überreichten mir Geschenke: Ein Sack voller Brot in allen Varianten, eine Flasche Wasser und eine Flasche «Amerikanski Kola», wie sie es nannten. Das konnte ich natürlich jetzt nicht ablehnen. Noch ein kurzes Foto zusammen und die Herren verabschiedeten sich. Sie fuhren wieder in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Offensichtlich waren sie mir gefolgt, um mir diese Geschenke zu überreichen. Echt unglaublich!
So war ich dann etwa 19:55 immer noch bei strahlendem Sonnenschein am Ziel angekommen.
Heute übernachte ich übrigens besonders günstig, die Unterkunft kostet umgerechnet 5.30 CHF. Dafür ist es relativ rudimentär eingerichtet:
WLAN: gibt’s nicht
Dusche: Fehlanzeige
Heizung: kalt, funktionierte vor ein paar Jahren wahrscheinlich mal. Es bleibt die 95-Watt Heizung, die von der Decke hängt und auch Licht ausstrahlt (musste die Glühbirne allerdings im Zimmer nebenan herausschrauben, die in meinem Zimmer war defekt)
WC: Plumpsklo hinter dem Haus
WC-Papier: Hat man entweder dabei oder kauft sich eine Rolle WC-Papier Kasachstan-Style für umgerechnet 18 Rappen
Die positive Überraschung ist, dass es Strom hat. Und die Sauberkeit ist auch besser als in dem miserablen Hotel in Trabzon, wenn auch noch immer alles andere als top. Aber zum Übernachten reicht es und so muss ich auch heute nicht von meinem Zelt Gebrauch machen.

































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Tag 058 – Kungrad – Nukus (110.17 km / 73 hm)
Trocken, flach und windig Heute Morgen ging wieder mal alles etwas länger, so startete ich erst um viertel nach elf. Der nette Herr vom Hotel gab mir noch jede Menge Wasser, Brot…
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Tag 057 – Beineu – Kungrad (Zug)
Ankunft in Usbekistan Beim warten am Bahnhof redete ich mit einigen kasachischen Leuten, obwohl reden wohl das falsche Wort ist. Mittels Händen, Füssen und natürlich GoogleTranslate war ein gewisser Austausch aber möglich….
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Tag 056 – Usturt – Beineu (91.46 km / 148 hm)
Heute: Rückenwind Gestern Abend habe ich noch lange mit den Kindern gespielt, vor allem der jüngste kam immer wieder zu mir. Verstanden haben wir uns zwar nicht, aber herumblödeln kann man ja…


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