Die letzte Bergetappe

Heute standen drei Anstiege und damit einige Höhenmeter auf dem Programm. Ursprünglich dachte ich, dass ich nur zwei davon heute mache, aber weil ich gestern weiter gekommen bin als erwartet sollte das gut passen. So habe ich morgen nur noch eine Abfahrt nach Xi’an, aber es geht kaum mehr nach oben.

Aufgrund der vorausgesagten 28 Grad Höchsttemperatur an meinem Zielort dachte ich, dass ich nicht allzu früh los muss – vielleicht ejn letztes Mal bevor es dann ab Xi’an heisser wird – und startete fast gleichzeitig wie gestern um etwa 09:40.

Nach einer kurzen flachen Aufwärmphase von wenigen Kilometern kam bereits der erste Anstieg. Nun bereute ich es ein wenig, so spät gestartet zu sein, denn in der Sonne und ohne Wind war der Aufstieg mit sehr wenig Fahrtwind gefühlt doch schon sehr heiss. Ausserdem war es für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich steil, was die Situation auch nicht besser machte. Auf der langgezogenen Abfahrt war es dagegen wieder sehr angenehm. Die Trockengebiete sind auch vorbei, überall war kräftiges grün zu sehen.

Am Ende der Abfahrt kam dann plötzlich eine Strassensperre und Amap schlug eine 20 Kilometer lange Umfahrung vor. Das muss auch kürzer gehen dachte ich, auf der Karte sah das zumindest so aus. Auf meiner Route auf gut Glück merkte ich dann, das die Situation in 3D etwas anders aussieht, denn da wo ich wieder auf die gesperrte Strasse fahren wollte war eine riesige Brücke. Schlussendlich fand ich aber einen Weg, um wieder auf die G312 zu kommen, auch wenn ich nun doch noch durch eigentlich gesperrtes Gebiet fuhr. Ich merkte dass ich wohl auch über die Brücke hätte fahren können, doch das wusste ich vorher nicht – egal. Auch kurze Zeit später war die Strasse wieder gesperrt, doch das durchkommen ein leichtes und gestört hat’s auch niemanden – in dieser Beziehung sind die Chinesen zum Glück wirklich sehr pragmatisch. So war mein Umweg geschätzt 9 km, immerhin einiges weniger als 20 km.

Nach wenigen flachen Kilometern folgte der zweite Anstieg. Herrlich die kräftig grün leuchtenden Wälder, welche ich von einer grossen Brücke aus betrachten konnte. Und Verkehr hatte es auch kaum – wohl aufgrund der Strassensperre vorher. Sehr angenehm und auch die Temperatur fühlte sich hier besser an als beim ersten Aufstieg. Fast oben angekommen sah ich, dass es etwas weniger Höhemeter werden als mein GPS voraussagte, denn dieses kannte den Tunnel nicht, der da oben war. Das kompensierte die aufgrund der gesperrten Brücke zusätzlichen Höhemeter. Es war zwar offiziell Fahrverbot für Fahrräder durch den Tunnel doch Amap lotste mich hier durch, also wird das insbesondere bei dem wenigen Verkehr schon gehen. Und es ging sogar besser als erwartet – der Tunnel hatte ziemlich starkes Gefälle und so fuhr ich fast mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit durch.

Nur etwa einen Kilometer nach dem Tunnel war ich bereits auf dem letzten Anstieg. Nach einem Boxenstopp im Dorf, wo ich ursprünglich übernachten wollte – ich brauchte zu trinken – befand ich mich bald wieder inmitten der grünen Wälder. Ich sah zwei Chinesen am Strassenrand, wobei er mit dem Fahrrad und sie zu Fuss unterwegs waren und sich ebenfalls erst gerade kennengelernt hatten. Sie – ihr Name ist Yingzhen – wandert von Xi’an zum Sayram-See in Xinjiang, eine riesige Strecke! Sie macht übrigens TikTok-Videos und hat bereits 1.22 Millionen Follower, eindrücklich. Etwas komisch war nur, dass sie fast alles filmte, wenn wir zusammen sprachen – material für ihre Videos eben. Jetzt weiss ich wieder, warum ich keine solchen Videos mache. Ich schreibe lieber. Ich bin auf ihren Beitrag mit mir sehr gespannt, sie meinte in ein, zwei Tagen habe sie die Nachbearbeitung beendet. Ein weiterer Grund, warum ich beim Text bleibe.

Den letzten Anstieg rollte ich dann viel leichter hoch als erwartet, ich fühlte mich sogar frischer als beim letzten Anstieg. Lag es an der Banane, die mir Yingzhen schenkte? Jedenfalls konnte ich nun entspannt die letzten 18 Kilometer nach Yongshou herunterrollen und erreichte mein Hotel um kurz vor halb sechs.

Wieder war ich in einem typischen kleinen chinesischen Städtchen. Ich wusste nicht so recht, was ich essen soll und so kaufte ich mir verschiedene keinere Gerichte – im Zentrum hatte es unzählige Restaurants und Geschäfte. Schon witzig, eine Portion kalter Nudeln (Liangpi) in einem Restaurant zu essen und am Schluss umgerechnet weniger als einen Franken dafür zu bezahlen. Oder gefüllte gedämpfte Brötchen (Baozi) für umgerechnet weniger als 20 Rappen pro Stück zu erwerben – nach drei oder vier Stück bin ich für gewöhnlich satt. Und die sind erst noch super lecker.

Essen gehört eben auch zum Reisen, in China sowieso. Das geniesse ich noch in vollen Zügen, solange ich noch hier bin.


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