Die Berge kommen näher …
Heute Morgen fühlte ich mich ziemlich müde. Ich bin gestern wohl zu schnell, sprich mit zu hohem Puls, gefahren und habe dann wahrscheinlich auch noch zu wenig gegessen am Abend, eine schlechte Kombination. Aber weiterfahren wollte ich trotzdem auf jeden Fall und für diese Situation gibt’s eine bereits erprobte Lösung: Ein lockerer Tag ganz nach dem Motto aktive Erholung. Zuerst aber ass ich mein Frühstück, da ich gestern Abend eher wenig gegessen hatte umso wichtiger.
Kurz vor zwölf ging es los und bereits nach knapp 500 Metern startete die Begleitung durch ein Polizeiauto. Die hatten wohl auf mich gewartet. Meine Beine fühlten sich etwas schwer an und ich hatte Mühe, den Rhythmus zu finden, doch das Rezept war wie erwähnt die Kurbeln ganz ohne Kraft und völlig entspannt drehen zu lassen. Das gelang mir je länger je besser, nach etwa einer Stunde fühlte ich mich besser als zu Beginn, ich hatte den Rhythmus anscheinend gefunden.
Das Terrain heute war stetig ansteigend mit Start auf bereits ca. 1100 m.ü.M. und zwei etwas steileren Anstiegen. Die Polizei hielt ziemlichen Abstand zu mir, war aber zu Beginn doch immer hinter mir. Als nach etwa 20 km auf der Strasse vor mir eine Polizeikontrolle stattfand, bremste ich, doch kurz bevor ich zum Stillstand kam winkte mich der zweite, nicht in der Kontrolle involvierte Polizist überraschenderweise durch. Vielleicht hatte er das Polizeiauto hinter mir gesehen. Kurz darauf kam ein anderes Polizeiauto entgegen und löste meine bisherige Begleitung ab.
Nach etwa 29 Kilometern kam eine Maut-Bezahlstelle und auch da stand ein Polizist. Bis ich meinen Pass hervorklaubte hatte mein Verfolger aufgeschlossen und so schaute sich der Polizist den Pass kaum an sondern winkte mich ebenfalls durch. Und hier endete auch die Begleitung. Ich schaute noch etliche Male zurück, doch da war tatsächlich keine Polizei mehr.
Das Terrain stieg nun steil an, der erste der beiden erwähnten etwas steileren Anstiege stand auf dem Programm. Dabei wurde das ganz entspannt fahren und im tiefen Pulsbereich bleiben zur Herausforderung. Doch ich fühlte mich gut und so machte ich nicht einmal eine Pause nach der Hälfte der heute geplanten Kilometer.
Erst beim zweiten steileren Anstieg merkte ich, dass ich wohl langsam pausieren sollte. Auch mein Blutzuckerlevel war wohl etwas tief, so fühlte es sich an und mein Süssgetränk hatte ich schon fertig getrunken, mir blieb nur noch Wasser übrig. Also stoppte ich etwa zwei Kilometer vor dem höchsten Punkt – was auch der höchste Punkt des Tages werden sollte – und ass etwas.
Nach der Abfahrt winkte mich schon wieder ein Polizist durch und ich bekam schon fast das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, da war auf der Strasse einfach niemand mehr interessiert an mir ;-). Obwohl das nicht ganz stimmt, einige entgegenkommende Auto- und Töfffahrer zeigten mir den Daumen nach oben. Interessanterweise hatte es auf der Strasse Autos aus den verschiedensten Provinzen – es ist eben wirklich eine touristische Region hier. Neben lokalen Autoschildern sah ich am meisten aus Sichuan und Yunnan, wobei mir vor allem ein Elektro-Wohnmobil aus Yunnan aufgefallen war. Ziemlich weit gefahren mit diesem grossen Vehikel und doch voll elektrisch unterwegs, interessant.
Bevor es weiter ging verpflegte ich mich bei einem kleinen Laden neben einer Tankstelle. Nun hatte ich wieder ein Süssgetränk. Da ich heute eher wenig Kilometer geplant hatte war ich trotz dem sehr entspannten Rhythmus gut in der Zeit und so verweilte ich etwas länger beim Laden und kam auch ins Gespräch mit der Verkäuferin.
Die letzten knapp 24 Kilometer war ich damit wieder ganz frisch und gemütlich mit wunderbarem Blick auf die grünen Felder und die hohen Berge im Hintergrund unterwegs, bis ich um 18:30 im kleinen Dörfchen Zhongfengchang auf etwas mehr als 1600 m.ü.M. ankam. Heute war landschaftstechnisch definitiv einer der schönsten Tage bisher.
Das Hotel, welches Jiabin für mich gebucht hatte, konnte mich aber nicht aufnehmen. Sie hatten irgend ein technisches Problem und wären somit nicht in der Lage gewesen, meine Registrierung durchzuführen, wenn ich das richtig verstanden habe. Zum Glück war in dem Dorf aber ein Hotel ans andere gereiht. Ich schaute mir zwei in der Nähe liegende an und beim zweiten, deutlich günstigeren sagte ich zu. Auch hier natürlich wieder ein riesen Vorteil, dass ich Chinesisch spreche. Ich sagte, dass ich kein riesen Zimmer brauche und erhielt einen kleinen Raum, in dem sonst eine Hotelangestellte schlief – für die Hälfte des Preises des anderen Hotels und auch günstiger, als der tiefste angeschriebene Preis in dem Hotel. Bis ich mein Fahrrad versorgt hatte und meine Taschen in den Raum stellen konnte, war das Bett frisch angezogen und der Raum sauber gemacht. Für mich voll ausreichend und viel besser als einige meiner Unterkünfte in den Stans.
Die Polizei tauchte dann doch noch auf und kontrollierte mich zum ersten Mal heute. Doch sie kamen wohl vor allem um zu prüfen, dass die Hotelangestellten meine Registrierung richtig ausführten. Gestern musste ich dem Rezeptionisten dabei helfen, das Formular am Computer richtig auszufüllen und so konnte ich auch heute die benötigten Informationen mit Leichtigkeit geben, ich bin sozusagen schon fast ein Experte.
Zum Abschluss des Tages ging ich in ein Restaurant und bestellte gleich drei Gerichte. Was ich gestern zu wenig bestellt hatte, bestellte ich heute zu viel. Doch ich konnte den Rest am Schluss einpacken und kann es somit morgen als Frühstück essen.























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