Und plötzlich angekommen
Die Vorfreude auf die letzte Etappe war sehr deutlich spürbar. Doch auch heute liess ich mir am Morgen wieder viel Zeit, nur keine Hast für den letzten Tag. Beim Frühstück lernte ich eine sehr kommunikationsfreudige Frau kennen, die begeistert war, sich mit mir unterhalten zu können. Die Chance, dass sie jemanden wie mich treffen würde wäre doch so klein meinte sie. Auf Chinesisch nennt man das Yuanfen, was soviel wie Schicksal bedeutet. Als ich ihr erzählte, dass heute meine letzte Etappe ist, konnte ich es selber kaum glauben, dass dieser Tag nun tatsächlich gekommen war.
Die Temperatur war wieder gleich hoch wie gestern, sprich um 09:08 beim Start schon weit über 30 Grad. Es fühlte sich ziemlich den ganzen Weg an, wie in einer Stadt zu sein, grün gab’s durch die Bäume zwar schon noch, aber Landwirtschaftsfläche war nicht mehr viel vorhanden. Dafür Strassen die sich über mehrere Level kreuzten. Um genügend frisch in Schanghai beim Bund anzukommen – da wo man die Wolkenkratzer sehen kann – machten wir bereits nach etwa 20 Kilometern eine erste Kühlpause. Wir durften uns in einer klimatisierten Polizeistation für ein paar Minuten ausruhen.
Danach war bald die Grenze zwischen der Provinz Jiangsu und der Stadt Schanghai erreicht, wobei wir noch immer – oder wieder – auf der G312 unterwegs waren. Beim Grenzstein angekommen gab es die Erkenntnis, dass ich in der Stadt Schanghai angekommen war – und dass es nun noch 35 Kilometer bis zum Bund sind.
Etwa 20 Kilometer vor dem Bund gab’s nochmals eine Abkühlung in einem Starbucks. Zwei Getränke hier kosteten etwa gleich viel wie unser Abendessen für zwei gestern – inklusive Getränke, versteht sich. Auch die Wassermelonen-Preise sind stetig gestiegen, als wir uns Schanghai genähert haben. Bis zu 3 RMB pro Pfund sahen wir, also das 15-fache des günstigsten Preises in der Henan-Provinz. Und das nur ein paar Fahrradtage entfernt.
Nach und nach waren wir in der Grossstadt angekommen und hier gab’s teilweise auch etwas viel Verkehr. In der Ferne konnten wir die beiden höchsten Wolkenkratzer von Schanghai schon 15 Kilometer vor dem Bund sehen – nun wurde die baldige Ankunft das erste Mal so richtig real.
Für die letzten Kilometer nahmen wir nicht mehr die von Amaps vorgeschlagene schnellste Route, sondern folgten dem Suzhou-Fluss. So hatten wir keinen Verkehr und so viel weiter war das auch nicht. Vor 12 Jahren war ich hier dem Fluss entlang joggen gegangen, deshalb kannte ich diesen schönen, verkehrsfreien Abschnitt der Stadt.
Am Bund angekommen mussten wir feststellen, dass Fahrräder auf der gesamten Länge der Promenade, von der man die Skyline Schanghais sehen kann, nicht erlaubt sind. Ich erklärte den Sicherheitskräften vor Ort, dass ich gerade meine über 13 Tausend Kilometer lange Fahrradtour beende und unbedingt ein Foto mit den Wolkenkratzern machen möchte, so liessen sie mich trotz Verbot passieren. Anscheinend gab’s da aber ein Missverständnis, denn für mich war klar, dass ich Jiabin finden möchte, die schon auf mich wartete, Wenxin hatte den Sichereheitskräften aber erklärt, dass ich «nur schnell ein paar Fotos» machen würde. Er meinte später zu mir sonst hätten sie mich gar nicht passieren lassen. Die Sicherheitskräfte waren gar nicht erfreut über meinen etwas längeren Ausflug mit dem Fahrrad und reagierten etwas aggressiv, als ich mit Jiabin Fotos machen wollte. Sie waren auch gar nicht erfreut über das Plakat, welches Jiabin so lieb für mich vorbereitet hatte. Doch bevor sie uns stoppen konnten, waren bereits ein paar Fotos im Kasten. Als wir dann gehen wollten meinten sie wir müssten warten. Sie hatten die Polizei informiert und die war auf dem Weg zu uns. Die Polizisten waren dann zum Glück viel freundlicher und liessen uns gehen, nachdem wir unsere Ausweise gezeigt hatten.
Bald stiess Lanxiang zu uns und wir machten nochmals ein paar Fotos mit den Wolkenkratzern, diesmal aber ohne Fahrrad. Danach gingen wir zusamnen essen, wobei dieser Teil von Schanghai so international ist, dass es gar nicht so einfach war, ein chinesisches Restaurant zu finden. Lanxiang kannte aber eines in ein paar Minuten Fussmarsch Entfernung.
Nach dem Essen teilten wir uns auf: Wenxin fuhr zu einem Verwandten, Lanxiang nahm die U-Bahn nach Hause und Jiabin begleitete mich auf einem Leihvelo wie es sie zu hunderten auf den Strassen gibt. Da es mit dem ÖV etwas kompliziert ist, das Fahrrad mitzunehmen, fuhren wir die 18 Kilometer zu Lanxiang nach Hause im Sattel. Dabei überquerten wir den Fluss mit einer Fähre, wobei ausser uns vor allem Elektroroller mitfuhren. Der Himmel war nun etwas bewölkt und die Temperatur war erstaunlich angenehm, normale Schwitztemperatur sozusagen.
Am Abend gingen wir mit Lanxiang nochmals zur Promenade, denn die ist besonders bei dieser Hitze auch eine Nachtattraktion. Die Menschenmassen die wir vorfanden waren gewaltig, zum Glück fanden wir dann doch noch einen Bereich, der nicht ganz so vollgestopft war und trafen dort auf Wenxin. Zum Abschluss der Reise gingen wir nochmals zusammen essen. Ein Gedanke, der mich den ganzen Tag begleitete: John Denver hatte wohl nicht ganz recht mit der Aussage, dass echte Liebe und selbstgezogene Tomaten die einzigen zwei Dinge sind, die Geld nicht kaufen kann. Denn gute Freunde wie Lanxiang und Wenxin gehören ebenfalls in diese Kategorie: Einfach unbezahlbar! Vielen Dank für alles, lieber Wenxin, und gute Fahrrad-Rückreise nach Hause, da warten noch hunderte Kilometer auf dich.
Jiabin und ich sind nun noch zwei Wochen in China, bevor wir via Singapur zurück in die Schweiz fliegen. In Singapur sehen wir dann neben Lanxiang auch Yanan und Eden nochmals, die wir heute vermisst haben. Ich freue mich schon auf das Wiedersehen!
























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