Was für ein wunderbarer Tag
Als ich heute morgen aufwachte wollte ich als erstes Wasser und etwas zum Frühstück kaufen gehen, denn gestern Abend hatte ich es verpasst, noch einkaufen zu gehen.
Zu meinem Erstaunen machten fast alle Läden in der Nähe meiner Unterkunft erst um 9 Uhr auf. So lange wollte ich nicht warten und im einzigen, der geöffnet hatte konnte ich kein Brot kaufen. Dann kaufe ich mir eben unterwegs etwas, dachte ich, doch es sollte nochmals anders kommen.
Bis ich losfuhr war es dann auch schon wieder viertel vor zehn und es begann gleich mit einem Anstieg. Innerhalb der Stadt ging’s hoch und zwischen den Häusern konnte man die schneebedeckten Berge im Süden sehen. Die aktive Erholung gestern hat sich ausbezahlt, meine Oberschenkel fühlten sich wieder gut erholt heute. Die Route, welcher ich folgte, schien noch einen Abstecher zu einem Aussichtspunkt zu machen und so machte auch ich einen Umweg direkt Richtung Süden. Die Berge, welche ich schon vom Hostel aus ansatzweise sehen konnte, wollte ich mir gerne noch genauer anschauen. Doch je länger der Weg anstieg, desto mehr kam der Gedanke auf, dass die beiden Radler, welche die Route auf ihrer Webseite zur Verfügung gestellt haben, wohl auch nach Aussicht suchten aber vielleicht gar keine fanden. Als die Route rechtsumkehrt machte, bestätigte sich diese Befürchtung leider. Man konnte die Berge zwar zwischen den Häusern und Bäumen etwas sehen, eine wirkliche Aussicht war das aber nicht. Ich wollte noch nicht aufgeben und fuhr noch ein Stück weiter nach oben. Irgendwann merkte aber auch ich, dass es wohl noch sehr lange so weiter gehen könnte und beim Blick zurück sah ich, dass der Fernsehturm, welcher ein Aussichtspunkt für Touristen ist, gar nicht mehr so viel weiter oben liegt als ich gewesen war. Ich schaute auf der Karte, ob ich vielleicht zu dem Turm hochfahren könnte und das schien tatsächlich möglich, es waren nur noch 150 Höhemeter, zuerst ging es aber wieder ein kurzes Stück die Strasse runter, auf der ich hergekommen war.
Auf dem Weg zum Turm gab es dann irgendwann eine Schranke, welche von einem Mann in Uniform bewacht wurde. Doch genau vor der Schranke gab es auch einen kleinen, sehr steilen und nicht asphaltierten Weg, der rechts nach oben führte. Da GoogleMaps mich eh da hoch schicken wollte versuchte ich mein Glück und rackerte mich Meter um Meter hoch. Teilweise war es so steil, dass ich absteigen musste – und mein Puls war dennoch auf 140.
Kurz vor dem voraussichtlich höchsten Punkt – Aussicht hatte ich weiter unten schon eine ziemlich gute – sprach mich ein Mann an. Ich gestikulierte, dass ich auf der Suche nach einer guten Aussicht war und da streckte er mir sein Telefon entgegen mit der Nachricht: «Möchtest du, dass ich das Tor hier öffne und du sehen kannst, wie es dahinter aussieht?». Da hatte ich natürlich gar nichts dagegen und gesagt getan. Hier hatte ich nun eine wunderbare Aussicht sowohl auf die Stadt als auch auf die Berge und den Fernsehturm, welcher sich nun in unmittelbarer Nähe befand. Der Herr machte noch ein paar Fotos von mir und dann ging’s zurück zur Strasse. Er stellte sich als Marat vor und als ich ihm von meiner Reise erzählte war er begeistert und wollte mich sogleich zum Essen einladen. Ich meinte, dass ich noch eine längere Etappe vor mir hätte und deshalb bald weiter möchte. Dann zumindest zu einem Tee entgegnete er. Dazu willigte ich ein.
Er lud mich in sein Haus ein, wo ich auch noch seine Tochter Camila, welche Medizin studiert, kennenlernen durfte. Diese amtete fortan als Übersetzerin, somit brauchten wir unsere Mobiltelefone nicht mehr. Das Problem mit dem Morgenessen hatte sich nun auch gelöst, denn zum Tee gab es auch noch Brot und sehr leckere selbstgemachte Konfitüre mit Früchten aus dem Garten. Sogar Porridge tischte mir Marat noch auf und meinte nur: «Schade, dass du nicht länger bleibst, denn ich hätte gerne für dich das Kasachische Nationalgericht gekocht…». Camila meinte noch, dass das sehr fleischlastig sei und für mich sowieso nicht so passend, aber diese Gastfreundschaft hat mich wieder einmal verblüfft.
Als ich langsam ans aufbrechen dachte, meinte Marat ich müsse unbedingt noch seine Konfitüre als Geschenk mitnehmen und fragte mich, ob ein Liter okay sei. Ich meinte das sei angesichts der vielen Kilometer, die ich noch vor mir habe etwas viel und so brachte er neben einem riesigen Glas auch noch ein kleineres, welches ich wohl gut mitnehmen kann. Einen halben Liter Inhalt hat es aber bestimmt auch.
Wie Adrian, der Zuger, den ich in der Usbekischen Wüste getroffen hatte, richtig bemerkte, sind für mich Begegnungen mit Menschen wie Marat das Schönste und auch Wichtigste an dieser Reise. Schöne Landschaften sind auch toll, meine besten Erinnerungen sind aber diese herzlichen Begegnungen, sei es mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Die Welt ist damit für mich ein super schöner Ort voller netter Menschen, auch wenn viele Medien uns tagtäglich das Gegenteil beweisen wollen. Deshalb ist gerade in der jetzigen Zeit das Reisen ein besonderes Glück.
Die positiven Gedanken und die Freude über diesen überaus herzlichen Austausch mit Marat und Camila begleiteten mich noch für viele Kilometer in Form eines inneren Lächelns. Vielleicht sehe ich Marat bald wieder in der Schweiz, denn er ist Geschäftsmann und hat vor, im Herbst eine Reise zu seinem Geschäftspartner in Dänemark zu machen – von da ist die Schweiz dann auch nicht mehr so weit entfernt.
Als ich nach etwas mehr als 90 Kilometern Pause machte – es ging nun seit dem Verlassen von Almaty alles auf einer ziemlich ruhigen, von Bäumen gesäumten Strasse entlang und leicht bergab – machte ich bereits die nächste Bekanntschaft. An mir vorbei fuhr auf seinem Fahrrad ein Junge, der mich sah und nach kurzem zögern doch noch umkehrte, um mit mir zu sprechen. Zhasulan, 13 jährig, interessierte sich sehr für meine Reise und so tauschten wir uns via GoogleTranslate ein wenig aus. Dann fuhren wir ein Stück gemeinsam weiter, wobei er meinte, dass er in Kasachstan wohne. Darüber war ich nicht sonderlich erstaunt, doch ich ahnte noch nicht, dass es hier eben auch ein Dorf mit diesem Namen gab. Wir verabschiedeten uns und ich versprach, ihm die gemachten Bilder später zu senden, seine Nummer hatte ich gespeichert.
Etwa 16 Kilometer vor meiner Ankunft war dann Schluss mit ruhiger Strasse, es ging wieder auf die Mautstrasse, sozusagen die Autobahn. In Shelek angekommen hatte ich zuerst Mühe, das von mir herausgesuchte Hotel zu finden, um dann herauszufinden, dass es dieses wohl nicht mehr gab. Also ging ich zu Option zwei und konnte da ein Zimmer für die Nacht haben – auch wenn an der Fassade ein Schild war, auf dem «zu verkaufen» steht, was mich schon etwas irritiert hatte.
Am Abend schrieb ich dann noch Nachrichten sowohl mit Marat als auch mit Zhasulan, wobei sich letzterer entschuldigte, dass er kein Englisch spreche und meinte, er wolle nun fleissig Englisch lernen. Weiter entschuldigte er sich auch noch dafür, dass er kein Geschenk für mich dabei hatte. Unglaublich – ich habe mich in meiner Heimat noch nie dafür entschuldigt, dass ich irgendeine Sprache nicht spreche und schon gar nicht, dass ich kein Geschenk für einen fremden Reisenden dabei habe. Andere Kultur halt – und das beeindruckt mich nach wie vor. Nachdem ich vor etwa einer Woche eine etwas schwierige Zeit durchmachte und mich nach China sehnte, fühle ich mich nun ganz anders. Schlussendlich werde ich wohl auch Kasachstan vermissen und ganz sicher in bester Erinnerung behalten. So bleibt mir nichts anderes übrig, als die letzten Tage hier noch in vollen Zügen zu geniessen.




















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