Usbekische Gastfreundschaft
Meine erste Nacht im Zelt war – ich muss es leider so sagen – unglaublich schlecht. Mein Zelt ist super, ich habe auch als zwei Meter grosser Typ genügend Platz darin. Die Schlafmatte, welche meine Schwester mir empfohlen hatte ist ebenfalls sehr bequem und kalt war mir mit dem Schlafsack auch nicht. Also an meiner Ausrüstung oder am Wetter ist es nicht gelegen. Doch was der Herr, der mir den Zeltplatz zugewiesen hatte, wohl vergessen hatte und ich nicht wissen konnte: Die beiden Jurten gleich neben meinem Zelt werden zum Party machen gebraucht. Zumindest gestern war das so, vielleicht weil Samstag war?
Jedenfalls sind beide Jurten mit lauten Soundanlagen ausgestattet, welche gestern Nacht voll ausgelastet wurden. Die Gruppen in den beiden Zelten versuchten sich wohl gegenseitig zu übertönen, denn die Musik war über lange Zeit ohrenbetäubend. Ohrenbetäubend war es schon, wenn mal nur eine Anlage alleine lief und ich spürte die Vibrationen des Basses in meinem Bauch. Oft waren aber beide Soundsysteme mit unterschiedlichen Liedern in voller Lautstärke angeschaltet – ich hätte schreien können, aber das hätte ja auch niemand gehört.
So blieb mir nur, mich auf meinen Atem zu achten und mich so gut wie möglich zu entspannen, damit es zumindest in mir drin ruhig blieb. Ich stellte mir vor, an irgend einem Openair-Konzert zu sein – immerhin lernte ich so noch etwas usbekische Musik und Party-Kultur kennen. Das gekreische der Frauen inklusive – keine Ahnung, was da am abgehen war.
Ich bin bereits vor 10 Uhr ins Bett bzw. in mein Zelt gegangen und da war es noch ruhig – doch nicht für sehr lange. Die Party-Musik dauerte dann bis etwa viertel nach eins. Immer wieder atmete ich auch Zigarettenrauch ein, da waren wohl Raucher in der Nähe meines Zeltes. Aber um viertel nach eins war Schluss mit Musik und nun war der Lärmpegel zum Glück deutlich tiefer, jetzt hörte ich neben dem lauten Gerede der Partygäste zwischendurch sogar wieder einen Lastwagen auf der naheliegenden Strasse vorbeifahren.
Der Strassenlärm und andere Geräusche weckten mich dann auch ab dem frühen Morgen immer wieder. Um halb acht hatte ich nur noch einen Gedanken: Schnell weg hier! Den Umständen entsprechend fühlte ich mich trotzdem einigermassen erholt. Gestern war zum Glück körperlich ziemlich locker und mein Körper war auch trotz des schlechten Schlafes ausgeruht.
Bis ich meine sieben Sachen gepackt hatte und losfuhr war es dann doch auch schon neun Uhr. Das Fahrrad fahren machte nun so richtig Spass – Hauptsache weg – und Rückenwind hatte ich auch noch.
Ich fuhr etwas mehr als 60 km bis zu einer Kreuzung, wo zwei Polizisten mich anhielten – doch sie waren anscheinend nur neugierig, was für eine Reise ich mache. Gleich bei der Kreuzung war auch ein kleiner Laden und ich verpflegte mich kurz. Bevor ich weiterfuhr kam ein Usbeke zum Laden und grüsste mich freundlich und wollte wie so viele hier wissen, woher ich bin. Auf meine Antwort Schweiz kommt dann meistens der Daumen nach oben – alle denken die Schweiz sei ein super Land. Dem widerspreche ich nicht, aber es ist doch ein komisches Gefühl, das als Gast in der Fremde immer wieder zu hören bzw. zu spüren. Als der junge Herr aus dem Laden kam und ich schon fast auf meinem Fahrrad sass, drückte er mir eine Flasche Wasser in die Hand und meinte «Willkommen in Usbekistan». Vielen Dank!
Nun hatte ich noch etwa 45 Kilometer zu fahren bis Gazli, der letzten grösseren Siedlung vor Buchara gemäss meiner Karte. Hier plante ich nochmals zu übernachten, bevor ich die restlichen etwas mehr als hundert Kilometer bis Buchara zurücklege.
Ich durchquerte noch immer die Kysylkum-Wüste, doch es regnete schon wieder. Vor dem Stopp war es nur sehr leichter Regen, nicht mehr als ein leichtes tröpfeln, doch seit der Pause war der Regen stärker geworden und der Wind kam nun von der Seite. Schon interessant, wie viel Regen ich hier habe, regnet es hier doch angeblich nur 100-200 mm pro Jahr. Viel machte es mir nicht aus. Die Regenjacke genügte, dass mir genügend warm war solange ich mich bewegte, auch mit kurzer Hose.
Etwa 22 km vor Gazli, immer noch bei mässig starkem Niederschlag, winkte mich ein Herr vor einem kleinen Laden energisch zu sich. Da ich befürchtete, dass mir kalt wird, sobald ich stoppe, wollte ich zuerst nicht anhalten. Doch er überzeugte mich dann doch. Er bot mir Tee an und ich war erst nicht sicher, ob er nun ein guter Verkäufer war oder ob er mir diesen offerierte. Egal, etwas warmes war sicher nicht schlecht und allzu teuer konnte es nicht sein.
Einen Augenblick später kam ein anderer Kunde herein und mein Gastgeber erzählte ihm, dass ich mit dem Fahrrad von der Schweiz bis hierher gefahren war. Plötzlich stellte der Wirt eine Flasche Cola neben mich und deutete auf den anderen Gast – anscheinend hatte dieser dafür bezahlt. Und die Geschenke wurden immer mehr. Der andere Gast – wir unterhielten uns mit Hilfe von GoogleTranslate ein wenig, er hiess Baris aus Taschkent – legte Kekse neben mich, bestellte Suppe und Brot für mich und bezahlte dann alles. Als ich mich aufrichtig bei ihm bedankte, kam er zu mir und drückte mir auch noch das Wechselgeld in die Hand. Immerhin 100’000 usbekische Som, kein kleiner Betrag. Damit bezahlte er auch gleich noch meine heutige Übernachtung, denn die kam mich 70’000 Som zu stehen.
Als ich mit dem Essen fertig war, hatte es aufgehört zu regnen und ich machte mich auf die letzten Kilometer. Nun hatte ich wieder Frieden geschlossen mit den Usbeken, auch wenn sie manchmal etwas laut Musik hören. Ich bin ja auch nie jemandem böse gewesen, es war einfach ein sehr unglücklicher Ort, um das Zelt aufzustellen. Unangenehm war es aber trotzdem. Doch mein Plan, früh in Gazli anzukommen und mich nochmals etwas auszuruhen ging trotz der Einladung noch auf.
Um 15 Uhr war ich bei einer Unterkunft, die anscheinend von der Usbekischen Regierung betrieben wird, was mich natürlich an die Lehrerhäuser in der Türkei erinnerte. Doch die Unterkunf hier ist primär für Gasarbeiter gedacht und die Ausstattung ist rudimentär: Kein warmes Wasser, kein WLAN aber immerhin ein sauberes Bett und eine sehr freundliche Gastgeberin. Ausserdem sind ein Laden und ein kleines Restaurant gleich nebenan. So hatte ich auch am vorerst letzten Abend in der Wüste alles, was ich brauchte. Ich legte mich auf’s Bett und schlief für die nächsten eineinhalb Stunden.








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