Die chinesische Gastfreundschaft geht weiter…

Heute morgen habe ich ausgeschlafen. Danach habe ich Suliya angerufen. Sie ist eine Freundin von Lijun, welche sich bereit erklärt hat, mir die Stadt zu zeigen und mit mir den Tag zu verbringen, weil Lijun selber nicht hier ist. Das ist unglaublich nett von ihr und so ähnlich habe ich übrigens auch Lijun im Jahr 2010 kennengelernt: Als ich in Peking ein Praktikum machte, traf ich bei einem Ausflug eine Chinesin, welche mich einlud, sie in Jinan zu besuchen. Als ich dann nach Jinan ging, hatte sie irgend einen Termin vom Studium her, welchen sie unmöglich verschieben konnte und war somit verhindert, mich zu treffen. Deshalb erklärte sich Lijun bereit, einzuspringen und den Tag mit mir zu verbringen. Inzwischen habe ich Lijun bereits mehrmals wieder getroffen, sowohl in China als auch in der Schweiz und wir sind Freunde geblieben – was eben dazu führte dass ich in der Wohnung ihrer Eltern übernachten darf.

Und nun bot mir eben Suliya an, dass wir den Tag hier zusammen verbringen können. Als ich mit ihr telefonierte und sagte, dass ich noch kein Frühstück gegessen hatte, lud sie mich prompt zu sich nach Hause ein – sie meinte sie hätten aufgrund des Opferfestes (Kurban-Fest) sowieso ganz viel essen zu Hause.

Kaum war ich fertig mit telefonieren, kam Lijun’s Mutter in die Wohnung und meinte, wir könnten doch nun zusammen zu einer schönen Landschaft in der Nähe gehen, wie wir es gestern Abend als Idee hatten. Fest abgemacht hatten wir aber noch nichts. Ich hatte mit Suliya besprochen, dass ich mich heute besser auf die Sehenswürdigkeiten in der Stadt konzentriere und soeben abgemacht hatte, dass ich ein Taxi zu Suliya’s zu Hause nehmen würde. Lijun’s Mutter meinte dann fahren sie mich zu Suliya, so müsse ich kein Taxi nehmen. Also gingen wir zu dritt zu Suliya nach Hause.

Suliya kommt aus einer uigurischen Familie, weshalb sie auch dieses Fest feiern. Han-Chinesen feiern das Fest nicht wirklich, sie haben aber auch einen bzw. mehrere Feiertage, an denen viele nicht arbeiten müssen – weshalb Lijun’s Eltern überhaupt Zeit hatten, die sie mit mir verbringen konnten, da hatte ich wieder mal unglaubliches Glück. Ich freue mich ausserordentlich, dass ich die Möglichkeit hatte, eine uigurische Familie zu besuchen, und das erst noch anlässlich dieses Feiertages. Nachdem wir alle zusammen gegessen, getrunken und gesprochen hatten, verabschiedeten sich die Eltern von Lijun und ich ging mit Suliya die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen.

Neben dem Mainstream-Tourismus, den wir zusammen erlebten – wobei wir auch in ein Akkordeon-Museum inklusive Live-Performance gingen – hatte ich mit Suliya auch sehr tiefgründige Gespräche. Nachdem wir ihr zu Hause verlassen hatte, sprachen wir hauptsächlich Englisch, denn Suliya kann sehr gut Englisch, es war ihr Studienfach an der Universität. Nach kurzer Zeit sprachen wir bereits über sehr persönliche Themen und es fühlte sich an, als wären wir gute Freunde, die sich schon lange kennen. Das ging insbesondere beim gemeinsamen Essen in einem Restaurant so weiter. Für diese Offenheit bin ich einfach nur dankbar, denn die Gespräche waren sehr gehaltvoll und bedeutungsvoll – ich lernte dabei sehr viel nicht nur über sie persönlich sondern auch über die uigurische Kultur und den Wandel bzw. die Entwicklung der Gesellschaft.

Nach dem Essen spazierten wir durch einen Park und trafen dann in einem Café eine Freundin von Suliya, welche ebenfalls uigurisch ist und Subi heisst. Sie ist sehr abenteuerlustig und macht viele Reisen und Wanderungen. Sie war beispielsweise schon im Everest-Base-Camp auf der chinesischen Seite, welches auf 5200 m.ü.M. liegt. Auch ihr möchte ich für die Offenheit und die guten Gespräche danken – ich habe das Gefühl in China werde ich wohl nie alleine sein. Aber vielleicht ändert sich das ja noch, je nachdem wo ich bin.

Jedenfalls hat mir Suliya beim verabschieden kurz nach Mitternacht gesagt «wir sehen uns in Ürümqi!» – denn dort wohnt sie und ich freue mich darauf, sie bald nochmals sehen zu dürfen!


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