Tschüss Usbekistan, zurück nach Kasachstan – von einer Millionenstadt in die nächste.
Heute Morgen stand ich früher auf, als ich eigentlich geplant hatte. Doch ich fühlte mich frisch. Das zeigt mir, dass ich mehr auf meinen Körper hören kann, statt die Schlafstunden zu zählen – manchmal brauche ich eben mehr Schlaf und manchmal weniger. Ich ass etwas von meinem Proviant im Zimmer und machte mich dann bereit um loszufahren. Als ich den Betreiber des Gästehauses sah, meinte er mein Morgenessen sei bereit. Da habe ich gestern offensichtlich etwas falsch verstanden: Er hatte von meinem Übernachtungspreis ein Morgenessen abgezogen und ich meinte das sei, weil sie nicht viel veganes zu bieten haben. Doch das war, weil ich irrtümlicherweise für 2 Personen gebucht hatte. Der Abzug war für die 2. Person. Also ass ich eben noch ein zweites Frühstück, wenn sie schon extra etwas für mich vorbereitet hatten – wieso auch nicht.
Um zehn nach neun fuhr ich dann los. Schon beim Morgenessen war es 29 Grad Celsius, doch beim Essen hatte ich mehr geschwitzt als nun mit dem Fahrtwind – was aber vor allem am heissen Tee lag, den ich getrunken hatte.
Nach gut einer Stunde war ich an der Grenze zu Kasachstan, das waren gerade mal so 15 km. Heute war ich im Vergleich zu früher erstaunlich ruhig, was die Überquerung der Grenze angeht. Was soll schon schief gehen? Es ging dann auch nichts schief und nach gefühlten 27 Mal den Pass zeigen war ich schon zurück in Kasachstan. Noch schnell Geld wechseln – eine Frau belagerte mich richtiggehend, bot aber einen guten Kurs an, so willigte ich ein – und weiter gehts.
Nun machte das Fahrradfahren so richtig Spass: Ich fühlte mich top, fuhr gemütlich meinen Rhythmus und die Strassen waren auch fast überall in gutem Zustand. Nur ein paar Lastwagen überholten mich sehr knapp, aber das bin ich mich inzwischen auch schon gewohnt.
Ich habe nun schon seit längerem – seit Kungrad – keinen ganzen Ruhetag mehr gemacht, doch ich bin voll im Flow, in meiner Zone, da möchte ich gar nicht pausieren. Und die dreimal Radfahren am Morgen und Stadtführung am Nachmittag waren auch voll nach meinem Geschmack. So hatte ich neben der körperlichen Betätigung auch noch etwas Futter für das Oberstübchen, auch wenn ich mir nicht alle Namen und Jahreszahlen merken konnte. Noch wichtiger erscheint mir aber das tolle Gespräch, das ich gestern Abend hatte. Dieser Austausch hat meine sozialen Batterien wieder voll aufgeladen was vielleicht auch ein Grund für mein gutes Gefühl war. Jedenfalls hätte ich die ganze Welt umarmen können, so zufrieden und glücklich war ich.
Nachdem ich nach etwa einem Drittel der Strecke in einem kleinen Dorf einen Laden gefunden hatte, wo ich Wasser und Fruchtsaft kaufen konnte und mich ausruhte fuhr ich kaum einen Kilometer weiter, da winkte mich ein junger Herr energisch zu sich. Sherhan wollte mich unbedingt auf ein Getränk einladen und gab mir dann auch noch Chips. Am liebsten hätte er mir aber sein tschechisches Bier gegeben, ich musste etwa fünf oder sechs Mal ablehnen. Aber das war definitiv ein grosses «Willkommen in Kasachstan» – vielen Dank dafür.
Etwas ungewiss war der bald darauf folgende Wechsel auf die Mautstrasse – man könnte es wohl Autobahn nennen. Darf ich hier mit dem Fahrrad wirklich fahren? Bald schon sah ich ein Dreirädriges Fahrrad mit Ladebrücke entgegenkommen und da war mir klar: Das ist voll ok. Und überhaupt war es hier – ausser dem Lärm der schnell fahrenden Autos, die vorbeizischten – angenehmer als auf der Strasse vorher, denn es war viel mehr Platz. Die Lastwagen konnten mich mit 1.5 – 2 m Abstand überholen, ohne die Spur zu verlassen.
Es ging hoch zu einem Pass und da dieser auf über 800 m über Meer lag, war auch die Temperatur noch immer angenehm. Eigentlich wollte ich nach etwa zwei Dritteln, also ca. 90 km nochmals Pause machen, doch der Pass war bei 92 km und danach wieder runter zu fahren war Pause genug, auch wenn es ein paar Gegensteigungen gab.
Schon aus relativ grosser Distanz konnte ich die Hochhäuser von Schymkent sehen. Immerhin die drittgrösste Stadt Kasachstans und eine Millionenstadt, wie ich später lernte. Hier hat es sehr viele Hotels. Und auch einen grossen Supermarkt fand ich, in dem es viele Produkte gibt, die ich schon länger nicht mehr gefunden hatte – z.B. Alpro Drink. Entsprechend machte ich einen Grosseinkauf.
Vorher musste ich aber noch im Hotel einchecken und das war wieder eine Geschichte für sich. Ich hatte auf einer Buchungsplattform ein günstiges Angebot herausgesucht, aber nicht gebucht, da es anscheinend noch viele freie Zimmer gab. Manchmal gibt’s vor Ort einen besseren Preis und sonst kann sich das Hotel zumindest die Gebühr an die Buchungsplattform sparen dachte ich. Doch als ich beim Hotel nachfragte, boten sie mir nur ein Zimmer für mehr als den dreifachen Preis an – umgerechnet knapp 44 Franken statt 13.50! Ich zeigte den beiden Receptionistinnen den Preis auf dem Mobiltelefon und dachte, sie würden nun einlenken, doch falsch gedacht. Sie sagten mir, diese Zimmerkategorie wäre nicht mehr verfügbar. Ich aktualisierte meinen Browser und das Angebot war noch da. Zwischenzeitlich sagten sie mir sogar, ich soll doch woanders hingehen. Ich entschied mich nach einigem hin und her, das Angebot Online zu buchen und ein paar Minuten später konnte ich einchecken. Der Betrag auf dem Bezahlterminal, den mir die eine Frau entgegenstreckte, war aber wiederum höher als der in meiner Buchung, wenn auch nicht sehr viel. Jetzt ging es mir aber um’s Prinzip und ich weigerte mich, den Betrag zu bezahlen. Die Dame meinte, es wäre eine zusätzliche Gebühr für Kartenzahlung nötig, also bezahlte ich kurzerhand bar. Da ich nicht wusste, dass mein Zimmer im Nebengebäude ist, holte ich nun zum Schrecken der beiden Receptionistinnen mein Fahrrad herein. «Das geht gar nicht!» interpretierte ich ihre nonverbale Kommunikation. Nun musste ich aufpassen, dass ich die innere Ruhe wahren konnte, es fing ein wenig innerlich an zu brodeln. Ich erklärte noch immer via Google Translate, dass ich von der Schweiz bis hier das Fahrrad noch nie draussen gelassen hatte. Dann war es plötzlich ok, ich dürfe es ins Zimmer mitnehmen. Zuerst musste ich aber noch selber den Namen und das Datum des Aufenthalts auf das russische Hotel-Formular eintragen, nachdem eine der beiden meinen Pass kopiert hatte. Zum Glück gibt’s bei GoogleTranslate auch die Kamerafunktion, welche mir die Übersetzung des Formulars auf dem Bildschirm anzeigte. So wusste ich, wo was auszufüllen ist. Warum sie das nicht selber gemacht hatte – meinen Pass hatte sie ja – verstehe ich allerdings nicht ganz. Die andere Frau nahm mit einem Griff den richtigen Schlüssel vom Brett – klar hatte es noch günstige Zimmer – und führte mich ins Nebengebäude. Ein bisschen genervt war wohl auch sie, so vermute ich. Das lustigste war aber, dass sie irgendwann anfing, koreanisch mit mir zu reden. Zum Glück erinnere ich mich noch an gewisse Wörter und Verstand, was sie meinte. Warum koreanisch bleibt mir aber ein Rätsel, denn sie selber war definitiv nicht Koreanerin und sie sprach auch nicht fliessend. Vielleicht haben sie ja regelmässig koreanische Gäste hier.


























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