Eine Stadt nach der anderen
Vor dem Start in die heutige Etappe fragte ich bei der netten Mitarbeiterin des Lehrerhausesm, ob sie für uns das nächste Lehrerhaus für heuite Abend reservieren könnte. Sie meinte, die wären erst ab 10 Uhr erreichbar, also ging ich zuerst meine Sachen packen. Früher als 10 Uhr gingen wir eh nicht los, doch auch nach 10 war niemand unter der Nummer erreichbar. Die Frau fragte, ob denn nicht ein anderes Lehrerhaus in Frage kommen würde und ich gab ihr eines an. welches etwa 20 km weiter entfernt war. Hier konnte sie dann auch tatsächlich eine Reservation für uns machen – super.
Damit war eigentlich auch die Frage geklärt, ob wir den direktesten Weg nehmen oder aussenrum dem Meer entlang fahren würden. Auf dem direkten Weg – so hatte ich auf der Karte gesehen – war ein 3820 m langer Tunnel und noch ein paar kürzere Tunnels, doch der Weg aussenrum wäre 15-20 km länger gewesen. Da wir schlussendlich erst um viertel vor elf losfuhren entschieden wir uns für die kürzere Variante.
Bereits nach 2 km merkte Shaun, dass er viel zu wenig Druck auf dem Hinterreifen hatte. Er pumpte nochmals nach, doch einige Kilometer später musste er dann doch den Schlauch wechseln – was er verständlicherweise noch vor dem langen Tunnel gemacht haben wollte.
Danach lief es ihm plötzlich wieder super gut – die letzten zwei Tage war das nicht so und obwohl wir zwar nicht darüber sprachen fragten wir uns beide, was los war. Die Frage schien nun geklärt und die Lektion gelernt: Wenn es plötzlich viel schlechter läuft als gewohnt ist wahrscheinlich irgend etwas nicht so, wie es sein sollte!
Der Tunnel fühlte sich zwar relativ lang an, doch die Autofahrer waren alle sehr vorsichtig und überholten mit viel Abstand. Zur Sicherheit hatten wir auch unsere Rücklichter montiert. Froh, dass der Tunnel vorbei war, waren wir dann trotzdem. Und noch über etwas anderes waren wir auch froh: Über den Rückenwind, den wir heute noch den ganzen Tag haben würden.
So rollte es ganz prima Richtung Osten und wir waren im Nu in Altınordu, wo wir an der schönen Promenade unsere Mittagspause machten. Auch danach ging es ganz locker und mit relativ hoher Geschwindigkeit weiter, von Stadt zu Stadt. Auf der Karte sieht es so aus, als ob nur Samsun und Trabzon grosse Städte wären, da sie optisch dominieren, doch in Wahrheit reiht sich hier eine grosse Stadt an die andere. Und überall hat es viele Hotels, oft Ferienresorts mit bekannten westlichen Namen.
Etwa 20 km vor der gebuchten Unterkunft machten wir nochmals Pause am Meer und fanden sogar einen Fahrradweg vor. Dieser war aber ziemlich enttäuschend, denn er hörte bereits nach etwa einem Kilometer wieder auf. Da wir auf der falschen Seite der grossen Strasse waren mussten wir nun unsere Räder über die Abschrankungen hieven, um nicht als Geisterfahrer weiter zu kommen.
Auch heute gab es zwischendurch ein paar Tropfen, doch so richtig regnen würde es erst am Abend. Bis zum Ziel gab es nochmals ein paar Tunnels, einer davon war mit nahezu einem Kilometer Länge auch wieder etwas unangenehm. Doch ein netter Autofahrer fuhr mit einigem Abstand langsam hinter uns mit den Warnblinkern eingeschaltet und überholte uns erst, als wir nach dem Tunnel wieder auf dem Pannenstreifen waren. Ich wiederhole mich etwas, aber echt nett, die Leute hier. In der Schweiz wäre man wohl eher angehupt worden mit der impliziten Aussage «Was für ein Idiot bist du eigentlich, dass du mit dem Fahrrad durch diesen Tunnel fährst?» – hier wird einem ungefragt geholfen und die Absicht an und für sich nicht in Frage gestellt wie es scheint.
Nachdem wir zuerst zur falschen Adresse fuhren – in Espiye sind zwei Lehrerhäuser auf GoogleMaps ersichtlich – fanden wir beim anscheinend neuen Standort einige Einheimische vor. Einer der Männer war besonders gesprächig und er offerierte uns Tee. Er meinte, es sei ihm wichtig, dass wir als Touristen hier ein gutes Bild von der Türkei erhalten würden, denn er wisse, dass im Ausland nicht immer nur positiv über das Land geschrieben werde. Seine Schwester wohne in Deutschland. Ich versicherte ihm, dass wir hier unglaublich viele nette Menschen getroffen hatten und die Türkei für uns als Radfahrer ein grossartiges Land sei. Und das ist nicht gelogen: Wir werden die Türkei vermissen! Doch für ein paar Tage können wir sie nun noch geniessen, knapp 300 km bleiben noch bis zur georgischen Grenze.

























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