Es geht wieder ins Landesinnere durch die Berge
Heute Morgen wollten wir etwas früher los, nachdem wir gestern auch früh angekommen waren. So starteten wir bereits um 09:15. Kurz danach gab es allerdings noch eine kurze Dehnungs-Session im Park am Meer.
Danach ging es ins Landesinnere, in die Berge sozusagen. Das Wetter war etwas bewölkt, aber genau in unsere Richtung waren die Wolken etwas heller, ein gutes Omen. Zuerst ging es über kleine Hügel abwechslungsweise rauf und runter, bis es einmal zu einer Staumauer hoch ging. Eigentlich wollten wir nur die Aussicht auf den See anschauen, doch Devrek, der nächste Ort, der auf unserer Strecke lag, war ebenfalls in diese Richtung ausgeschildert.
Es stellte sich heraus, dass meine Karte anscheinend nicht aktuell war, denn diese Strasse nach Devrek gab es auf meinem Fahrradcomputer noch nicht. Shaun konnte aber auf Komoot sehen, dass es die Strasse gab und auch auf Google Maps ist sie vorhanden. Durch diese schöne, neue Strasse konnten wir wohl einige Höhenmeter sparen, denn als wir wieder auf der von mir geladenen Strecke waren, springte die Anzahl Resthöhenmeter deutlich nach unten.
Kurze Zeit später fing die grosse Steigung des Tages an, es war die erste längere Steigung für mich seit dem Pass in Bulgarien und auch Shaun hatte schon lange keinen Pass mehr erklimmt. Nach wenigen Höhenmetern kam uns ein Polizeiauto entgegen, welches kurz hinter uns auf der grossen Strasse eine Dreipunktwendung machte, uns wieder überholte und dann kurz vor uns am Strassenrand anhielt. Drei Polizisten stiegen aus und wollten ein Foto mit uns machen. Sie waren begeistert von unserer Tour und verabschiedeten sich freundlich.
Die Steigung erstreckte sich auf etwa 14 Kilometer und ging offiziell – gemäss Strassenschild – bis auf 720 m.ü.M., nicht schlecht, wenn man den Tag auf Meereshöhe gestartet hat. Es dauerte eine ganze Weile bis wir oben waren und dabei ist uns aufgefallen, dass wir auf eine nigelnagelneuen Strasse fuhren, welche weder auf meinem Fahrradcomputer, noch auf Komoot oder Google Maps eingezeichnet war. Lustig, dass bei dem wenigen Verkehr den wir auf diesem Abschnitt hatten – alle paar Minuten hatte uns ein Auto überholt – eine so grosse Strasse gebaut wird. Doch wir genossen den gut rollenden Untergrund natürlich.
Auch auf der anschliessenden Abfahrt war die Strasse sehr gut, allerdings hatten wir nun etwas kalt. Das Wetter hier ist wieder deutlich kühler geworden, mit Temperaturen im einstelligen Gradbereich. Als es dann kurz vor Ende der Abfahrt auch noch anfing zu regnen, beschlossen wir in Devrek in ein Cafe zu gehen und uns mit türkischem Tee aufzuwärmen. Wir tranken beide einige Gläser und der Wirt erlaubte uns auch noch, unser mitgebrachtes Essen zu verzehren. Dafür brachte er uns sogar Besteck. Als wir bezahlen wollten, gaben wir ihm 200 türkische Lira, nichtsahnend, dass das nicht ganz reichte. Der Wirt zeigte uns auf seinem Taschenrechner, dass der Preis 220 Lira gewesen wäre. Wir wollten ihm beide noch etwas Trinkgeld geben, schliesslich musste er auch das Besteck wieder abwaschen. Doch der nette Mann lehnte es entschieden ab, dass wir ihm mehr Geld gaben. Auch unser insistieren nützte da nichts. Er hielt uns sein Handy entgegen mit der übersetzten Nachricht, dass er uns etwas Gutes tun wolle, also nahmen wir das Geschenk dankend an.
Wieder aufgewärmt und frohen Mutes ging es die nächsten Kilometer das Tal runter und nun hatten wir teilweise sogar die ganze Strasse für uns. Für Autofahrer war die neu gebaute Strasse noch nicht freigegeben, die anwesenden Bauarbeiter wiesen uns aber an, diese zu benützen. Ausserdem blies uns auch der Rückenwind voran – was will man als Fahrradfahrer mehr?
Wir hatten beim späten Mittagessen beschlossen, dass wir noch etwa 42 Kilometer weiter fahren würden in eine kleine Stadt, in der es laut Google Maps ein Hotel hatte. Die letzten 30 Kilometer ging es dann ein anderes Tal hoch, doch auch hier hatten wir Rückendwind und so war das vorwärtskommen eine Leichtigkeit. Kurz vor 18 Uhr waren wir dann bei dem Ort, an dem wir glaubten, dass auf Google Maps ein Hotel eingezeichnet war. Doch die anwesenden Bewohner des daneben liegenden Blockes meinten, dass dies ein Studentenwohnheim wäre und dass sie gar nicht sicher seien, ob da überhaupt noch jemand ist. Auf jeden Fall war es kein Hotel und somit keine Übernachtungsmöglichkeit für uns.
Die Anwohner informierten uns auch, dass das einzige Hotel in der Stadt das «Ihlamur Teras» wäre, welches auf einem schönen Felsvorsprung über der Stadt ragte. Das nächste Hotel wäre in der nächsten Stadt etwa 37 km entfernt gewesen. Ein Mann bot uns an, uns zum Hotel zu fahren, denn es wäre ein langer, steiler Aufstieg. Shaun und ich schauten uns an und die Versuchung war schon da, einzuwilligen, denn wir hatten schon etwa 107 km und 1400 Höhenmeter in den Beinen. Doch wir entschieden uns, die etwa 300 Höhenmeter selber mit den Fahrrädern hochzufahren – schliesslich waren wir auf einer Fahrradtour, wäre ja gelacht, wenn wir plötzlich in ein Auto einsteigen würden.
Der Anstieg war dann tatsächlich ziemlich steil, doch wir versuchten einfach, so gemütlich wie möglich nach oben zu kommen. Schlussendlich waren wir etwa um viertel nach sieben oben und freuten uns über die tolle Aussicht und darüber, dass wir tatsächlich noch selber hochgefahren waren. Ein bisschen verrückt fühlten wir uns schon, aber ich war umso glücklicher, dass wir dies als Team machen konnten und ich nicht der einzige Verrückte war – und Shaun ging es glaube ich genauso.



































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