Achterbahn der Gefühle

Heute morgen sind wir wieder etwas spät losgefahren, dafür hatten wir gut ausgeschlafen. Um 09:45 ging’s los und heiss war’s von Anfang an. Die Temperatur würde heute auf 36 Grad steigen.

Bald überquerten wir einen Fluss und sahen von der hohen Brücke ein paar Männer im Fluss schwimmen. Danach ging’s zuerst auf Velofahrbahnen und kurze Zeit später auf einem kleinen Weg durch Reisfelder weiter. Auch heute war noch immer überall um uns herum Wasser.

Nach knapp 50 Kilometer machten wir Mittagspause und irgendwie war ich super mürrisch drauf und hatte nicht mal Lust in die Kamera zu lächeln. Auch ein Videotelefonat mit Jiabin verbesserte meine Laune nur kurzfristig, doch ich befolgte ihren Rat und machte einen kurzen Mitzagsschalf von ca. 20 Minuten auf der Bank im Rwstaurant. Danach fühlte ich mich etwas besser und zumindest gut erholt.

Wieder unterwegs kaum 200 Meter weiter kaufte ich ein Elektrolythaltiges Getränk und Wenxin erinnerte sich, dass er wieder einmal Luft in seine Reifen nachpumpen wollte. Wie bei mir lässt auch bei ihm der Reifendruck über die Zeit leicht nach. Beim Vorderreifen hat das nachpumpen auch gut geklappt, hinten endete die Aktion aber in einem Pöatten und er hielt bald das Ventil in der Hand, welches sich vom Schlauch gelöst hatte. Ersatzschlauch hatte er keinen dabei, nur Flickzeug – doch das war nicht zu flicken. Ich überredete ihn, einen meiner Schläuche zu benützen bis in die nächste Stadt, wo es einen Velomech haben würde. Noch etwas mehr als 40 Kilometer waren wir von der Stadt entfernt in der Wenxin auch ein Hotel gebucht hatte. Das überzeugen war gar nicht so einfach, Wenxin hatte bereits eine Art Abschleppdienst bestellt, doch ich wollte mit ihm zusammen weiterfahren und war überzeugt, dass mein Ersatzschlauch funktionieren würde, auch wenn er etwas gross ist. Und es funktionierte dann auch.

Erst nervte ich mich über die verlorene Zeit und das lange hin und her, nach meinem Mittagsschalf war es eh schon spät. Doch dann sagte ich mir es ist alles gut, so wie es ist. Man kann und muss nicht alles planen und kontrollieren, einfach flexibel bleiben. Und am Ende kommt bestimmt alles gut.

Unter einer Brücke machten wir etwa 30 km vor Dingcheng nochmals eine Pause und kurz darauf waren wir im zweiten Ort mit lustigem Namen. Während das erste am Morgen leider kein Ortsschild hatte – es hiess «Shucaicun», was so viel wie Gemüsedorf heisst, machte ich beim zweiten Dorf ein Foto. Die ersten zwei Zeichen werden verwendet, um den Höhepunkt beim Liebesakt zu benennen, doch es gibt auch noch weitere Bedeutungen, z.B. Hochwasser, eindeutig zweideutig eben.

Am besten passt aber wohl die Bedeutung Klimax, denn das Highlight des heutigen Dramas folgte kurz später: Am wie sich herausstellte letzten leichten Anstieg des Tages konnte ich plötzlich nicht mehr schalten und meine Schaltung rastete im höchsten sprich schwersten Gang ein. Nicht gerade optimal, wenn’s nach oben geht. Schon am Morgen beim Aufstieg auf die Brücke mit den Schwimmern war mir aufgefallen, dass ich den leichtesten Gang nicht mehr benützen kann. Nicht so schlimm, dachte ich, steile Anstiege gibt’s ja nicht und ich muss wohl einfach bald mal die Schaltung etwas nachjustieren, das lockert sich eben mit der Zeit. Zurück zum letzten Anstieg: Nun sah ich mich gezwungen zu handeln, doch als ich das Schaltkabel nachziehen wollte, kam es mir ein bisschen gar weit entgegen. Das Ding musste gerissen sein! Auch war der Schalthebel irgendwie blockiert, ich befürchtete das Schlimmste. Zum Glück hallte in mir noch immer der Gedanke nach, das alles gut kommt, so war ich relativ gelassen.

Und zum Glück verstehe ich einigermassen, wie so eine Gangschaltung funktioniert und so konnte ich als Notlösung den unteren Anschlag ganz ans Limit drehen wodurch die Kette immerhin nicht mehr im grössten Gang war, sondern in einem Gang, welchen ich normalerweise bei 28-30 km/h benütze. Da wir fast die gesamte Steigung erklommen hatten konnte ich so weiterfahren, wenn auch teilweise mit etwas schwererem Tritt. Statt das Hotel steuerten wir das nächstgelegene Velogeschäft an. Da es sogar meist leicht abwärts ging, waren die etwa 15 km gar nicht so schwer zurückzulegen.

Das uns beiden heute ein Defekt passierte war schon merkwürdig, doch Wenxin meinte nur «福无双至,祸不单行», ein Sprichwort, das etwa bedeutet «Glück kommt nie allein, und Unglück folgt niemals allein.» Und «好事多磨» – «Gute Dinge brauchen Geduld.»

Die Geduld konnte ich brauchen, denn beim Geschäft angekommen stellte sich heraus, dass der Herr dort wohl keine allzu grosse Hilfe ist und auch nicht das richtige Material hatte. Wenxin fand aber schnell ein anderes Geschäft, also fuhren wir weiter. Meine Gedanken kreisten unermüdlich: Was, wenn das Geschäft geschlossen hat? Was wenn der mir dort auch nicht helfen kann? Kann ich morgen noch weiter fahren? Muss ich so kurz vor dem Ziel doch noch abbrechen? Und so weiter…

Der zweite Velomech stellte sich aber nicht nur als sehr freundlich sondern auch äusserst kompetent heraus. Ein Vollprofi vom Fach! Nach wenigen Minuten war mein Fahrrad repariert und ich konnte mein Glück kaum fassen. So Nahe liegen Freud und Leid zusammen, so einfach ist manchmal die Lösung. Wenxin ersetzte er den Schlauch und gab ihm noch einen Ersatzschlauch und so erhielt ich meinen zurück. Als wir nach der obligaten Fotosession bezahlen wollten, winkte der Herr, der selber viel mit verschiedenen Rädern unterwegs ist, nur ab. Ich war total sprachlos. Reperatur inklusive Schaltkabel und Schlauch wechseln plus zwei neue Schläuche für gratis? Wir wollten noch mit ihm diskutieren, dass er doch bestimmt etwas erhalten sollte, insbesondere bei dem riesen Stein, der mir vom Herzen fiel. Doch er meinte nur er sei jetzt beschäftigt und liess sich auch nicht zum Essen einladen – sein Laden ist bis 21 Uhr geöffnet. Und beschäftigt war er tatsächlich. Schon bei der Reperatur wurde er alle zwei Minuten unterbrochen und als wir gingen, standen die Leute Schlange. Na dann, gehen wir eben. Tausend Dank, ich kann’s noch immer kaum glauben. Das pure Gegenteil vom Laden in Ürümqi, wo ich für einen Pedalwechsel von 2 Minuten 30 RMB bezahlte.

Auf dem Weg zum 2 Kilometer entfernten Hotel fanden wir ein Restaurant für das Abendessen und kamen danach erst kurz vor acht bei unserer Bleibe an. Wird wohl wieder einmal schwierig mit früh schlafen gehen…


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